Freitag, 15. Mai 2009

die fünziger jahre

Grand-père, mütterlicherseits Allons, Allons! Mein Großvater mütterlicherseits treibt mich energisch die
Terrazzotreppe hinunter. Er wedelt aufgeregt mit seinem Spazierstock, dass man meint, er will dem Kurhessischen Pionier-Bataillion Nr. 11 von 1914 als französisch fühlender Patriot ernsthaft entgegenwirken.
Wäre mein Großvater mütterlicherseits tatsächlich französischer Abstammung gewesen, so hätte ich wohl nicht diesen simplen deutschen Namen bekommen, sondern hieße Giselle oder Maquerité oder Jeanne – womöglich noch Jeanne d’Arc!
Aber nein, auch wenn mein Großvater sich nach dem Mittagsmahl auf eine Chaiselongue legt, ist er dennoch ganz und gar deutschabstämmig.

Allons! Seine schmalen Finger umfassen meinen Nacken, schieben mich auf dem Trottoir voran, über den Platz mit dem großen Steinbrunnen vor unserem Mehrfamilienhaus, drüben den kleinen Berg – an der Fleischerei vorbei – hinunter, links um die Ecke ... bis vor die Eisdiele. Nein. Bei meinem Großvater ist es das Caféhaus. Die neue DDR-Bezeichnung ist für ihn intolérable.
Fest umschließt er den verchromten Griff der Tür, drückt sie schwungvoll auf und bleibt stehen. Er schaut.
Ah! Beim Anblick der silbern glänzenden Cafémaschinen und Accessoires wird er von wohligen Schauern überschwemmt und seine Genugtuung angesichts dieser Zeugnisse einer vergangenen Kultur springt auf mich über und lässt mein Herz fröhlich hüpfen. Ich halte die Luft an.
Ich schmiege mich höchst willig in die runde Lehne des Caféhausstuhles, in den mich mein Großvater drückt, ziehe mein Kleid nett über die Knie und lege meine Hände ordentlich in den Schoß. Ich atme aus. Mir schmerzen die Lungen vom gespannten Luftanhalten.
Mein Großvater setzt sich feierlich zu mir, hängt den Spazierstock über die Stuhllehne, fasst in sein Jackett und holt eine Ampulle hervor. Vorsichtig beginnt er sie zu entstöpseln. Er befiehlt mir, auf die Glashülle Acht zu geben, die er auf die Marmortischplatte legt und nimmt die herausgeschüttelte Zigarre in Augenschein.
Er fasst sie zart mit beiden Händen zwischen Daumen und Zeigefinger, führt sie andächtig unter der Nase entlang und saugt mit heftigem Geräusch ihren Duft ein.
Er schließt die Augen.
Ich öffne meinen Mund.
Mit diversem Werkzeug bearbeitet er die Spitze und das Mundstück der Zigarre, ehe er sie anzündet.
Während er mit Wohlbehagen den ersten Rauch ausstößt, winkt er seinen Gacon herbei. Ein Kopfnicken in meine Richtung heißt: wie immer. Es bedeutet, dass ich gleich eine Schlagsahne im eloxierten Becher und eine Tasse Kakao bekommen werde. Er selbst bestellt Bohnenkaffee und Cognac.

Meine Hände fühlen den kühlen Marmor der Tischplatte. Meine nackten Knie stoßen sich darunter an dem gusseisernen Gestell blau. Meine Nasenflügel flattern. Ich kann nicht still sitzen.
Großvaters Zigarrenrauch benebelt mein Gehirn ... und je comprends – ich verstehe – und verstehe nicht – warum das alles so schön ist.

Ah ... mon ami! sagt mein Großvater, als ein ebenso betagter Herr wie er es ist das Café betritt. Sie schütteln sich die Hände und sein Ami nimmt an unserem Tisch Platz.
Auch er bekommt einen Kaffee mit dem Cognac im Gespann. Und so wie mein Großvater davor zieht auch er ein Glasröhrchen aus der Jacketttasche ...
Sie palavern ... sie „perlen“ ... und bekommen rote Apfelbacken und glänzende Augen. Das weiße Haar tragen sie mittelgescheitelt. Nur zwei bis drei Zentimeter darf es links und rechts davon herunter wachsen, dann wird es fürsorglich abrasiert. Der kleine Schnauzer unter der Nase ist ein Muss, eine Homage an das Volk, dem sie wohl gerne angehörten, dem sie sich merkwürdigerweise so verbunden fühlen.
Mein fünfjähriger Geist nimmt noch nicht bewusst den Sinn ihrer Gespräche wahr, aber ich erinnere mich an das Wort Krieg und an den Ausdruck Vierzehn bis Achtzehn.

Beim heutigen Nachrechnen wird mir klar, dass es reine Fantasieerlebnisse waren, die sich die beiden alten Freunde wohl anschaulich vor Augen hielten, denn 1914 war mein Großvater grade mal sechzehn Jahre alt – und wohl kaum tauglich für das Militär.

Die Herren zerdrücken die Reste ihrer Zigarren in dem blauen Aschebecher, zahlen ihre Facture und verlassen hoch motiviert das Cafè.

Allons – treibt mich mein Großvater an und greift mir in den Nacken ...


© gh

Dienstag, 28. April 2009

die letzte seite ......
















... ist die schlimmste, finde ich. nun ist es ausgelesen, das buch, sagt man. natürlich stehen die buchstaben noch an ort und stelle - gerade oder kursiv, fett oder dünn, groß oder klein, nach punkt oder komma.

es ist ein abschiednehmen von den menschen zwischen den seiten, die ans herz gewachsen sind, manchmal. und die doch keine menschen sind. oder doch?

gibt es nicht im wahren leben gleichwertige charaktere? gleichwertige personen, die genauso - aber wirklich haargenau der frau, dem mann, dem kind im buche gleichen?

denkt mal nach, merkt es euch ...

der letzte satz.

und in ihr sang es. fort von hier, sang es. fort, fort.

nun mache ich den deckel zu.

auf ein neues.

"sara" von toril brekke

Dienstag, 21. April 2009

toril brekke








der regen peitschte auf nordmore ein, und eine heißere stimme fauchte, das sei nur recht und billig so. der himmel lag wie ein graues frieswams über hügeln und bergen, über dem fjord, der sich wand und schlängelte, der mit seinen grauen armen und fingern landspitzen und schären umklammerte ...
sara - mutter und tochter eint nicht nur der name. gemeinsam müssen die beiden frauen im norwegen des 19. jahrhunderts um ihre eigenständigkeit kämpfen, sich gegen die willkür der männer stemmen und die zumutungen der gesellschaft ertragen. ein schweres leben ist es mitunter, aber selbst im schwächsten moment gelingt es den beiden saras, ihre würde zu wahren.
nach "linas kinder" die zweite, ebenso anrührende wie poetische familiensaga von norwegens bestsellerautorin.
ich kann mich dem urteil nur anschließen.
im sonnenschein im gartenstuhl, unter blühenden bäumen und zwischen würzigen gräsern, eingehüllt im duft des frühlings, dringt doch die härte des lebenskampfes der frauengestalten ins herz und beschreibt mit wunderbaren, poetischen gedanken das damals.

Samstag, 18. April 2009

die siebziger jahre der ddr

kenn' ja selber, was dir heut widerfährt

sie wollte das leben kennenlernen, dieses jungfräuliche.
wollte wahrheit verbreiten, ernsthaftigkeit, ernst genommen werden.
so jung war sie noch, so blauäugig, obwohl sie ja braune augen hatte.
neu im betrieb, voller guter vorsätze. voll vom gutem willen.
der bgl'er respektierte ihren neuen glauben an einen gott.
schwitzend und mit hellem gesicht verließ sie den raum, der ihr zur feuertaufe geworden war.
ihre schritte hallten im treppenhaus. die büroräume verschlossen dicke türen, hinter denen wahrheit gelebt wurde – wahrheit, die sich gut schmieden und winden ließ.
als ich fortging ...

der kurze rock wippte an ihren beinen, frech und provokant. der kurze ponny über der stirn wurde vom wind verweht und rötete ihre stirn.
die tasche über der schulter war neu – eben erstanden, beziehungsvoll vom unterm ladentisch, schnell umgepackt und nun stolz präsentiert. helle schnallen, bunte farben.
als ich fortging, war die straße steil ...

sie lehnte sich an ihn, in der kirchenbank, in der welt, die eine andere war.
die sie erst kennenlernte. gab es hier die wahrheit? suchte sie genau nach dieser? unbequemen? herausfordernden?
so genau wusste sie es nicht, nur dass, wenn er ihre hand hielt, sie glücklich war. er strich über ihren rocksaum, fasste nach der neuen tasche, legte heimlich den arm um sie.
sie rutschten in die bank, wurden kleiner, leichter, unsichtbarer.
nimm an ihrem kummer teil ...

lau war die nacht in diesem juni. Die käfer flogen und blinkten. er zog leise am reißverschluss des rockes, sie legte ihre hand darüber.
... mach sie heil.

da lag der wisch, die papierecken umgeknickt. der antrag. fdj. jetzt doch nun endlich sollte sie, als lehrling ...
sie dachte an die feuertaufe, an das gespräch mit dem bgl'er und knüllte den wisch zusammen. nein, in den papierkorb fegte sie ihn nicht, tat ihn lieber in die tasche. die wird das schon tragen können.
als ich fortging, war der asphalt heiß ...

eingebettet. jeden montag. in eine runde. menschen. lieder. heiße worte. sie tastete sich vor – in die nähe zu dem mann am kreuz.
was redeten die anderen? was erzählten sie da? nichts von all dem kam ihr bekannt vor, nichts von all dem drang in ihr herz. sie fremdelte.
... kehr wieder um.

der stift in der Hand schien die zahlen allein zu schreiben. die gedanken liefen ihre bahn. der mann vom schreibtisch neben ihr stellte ihr den kaffee unter die nase. brauner duft. sie sah auf – in augen, die ihr ein lächeln auf die lippen zwangen.
red ihr aus um jeden preis, was sie weiß.

was wusste sie schon? was konnte man ihr ausreden?
der schein der im umschlag steckte, war eine prämie. dafür, dass sie zum munde redete?
nichts ist unendlich, so sieh das doch ein.

heute durchnässte sie der regen. klatschte auf die schultern, arme, die sie hängen ließ. traurig. weil man von ihr verlangte, sich zu entscheiden.
ich weiß, du willst unendlich sein, schwach und klein.

sie lehnte sich an die ecke, die sich zwischen ihre schulterblätter bohrte. und der regen rann über ihr gesicht. sie flüsterte: spül’ doch fort, was ich nicht wissen will.
feuer brennt nieder, wenn’s keiner mehr nährt.

ihre absätze klapperten auf den alten fußwegplatten. der regen hatte aufgehört, ihr übers gesicht zu laufen. dafür lief sie, schnell jetzt und mit tempo. fegte die tasche ins zimmer und schmiss den rock aufs bett, den kurzen, dessen stoff ein geschenk des betriebes gewesen war und der sie gefügig machen sollte.

sie zog die alte hose an, setzte die schöne mütze auf, stopfte ihren ponny darunter. nur eine strähne lugte hervor.

er wartete und mit ihm ging sie zu der tür, hinter der die worte flogen, wo die lieder klangen – die wahrheit wohnt ...
kenn’ ja selber, was dir heut widerfährt.

©gh

zitate: songtext – als ich fortiging ... (karussell)

zum anhören:
als ich fortging ...

Freitag, 17. April 2009

zettel, mappen, kaffee ...




























alles liegt bereit, um die poesie fließen lassen zu können.
um worte zu fangen. zu fischen. zu erhaschen.
das ergebnis?
vielleicht heute noch ...

Samstag, 11. April 2009

unverhofft kommt oft

beim inspirationssuchen für mein schreiben landete ich hier und fand es total super gut.
ich mopse mal das interview und hoffe blauäugig, dass ich keine rechte verletze.

sabine thiesler: wie ein psychothriller entsteht
mit der krimi-autorin des romans "die totengräberin" hat cordula giese für das buchjournal gesprochen:

Dem Mörder in den Kopf gucken - mit dieser Erzählperspektive haben Sie vor drei Jahren Ihre Karriere als Romanautorin gestartet. Der “Kindersammler” war sofort ein Bestseller …”Das spurlose Verschwinden eines Kindes ist für mich das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Diese Ungewißheit, ob das eigene Kind bereits tot ist oder doch noch irgendwo lebt, ist einfach unerträglich. Und in meinem ersten Roman wollte ich über das schreiben, was mich am meisten berührt.”
Wie kommen Sie auf Ihre Buchideen?“Oft sind es nur ganz vage Gedanken, die den Anfang für ein Buch bilden: die Mutter, die nach dem verschwundenen Sohn sucht, ein Ruine, die ich in einem Wald inb der Toscana finde und die in meiner Fantasie plötzlich zum Schauplatz eines Verbrechens wird, oder die verletzte Frau, die den Mann tötet, die den Mann tötel, den sie liebt.”
Sie führen für Ihre Bücher keine Interviews?“Nein, ich gehe weder auf Recherchetour noch spreche ich mit Personen, um etwas über deren Beweggründe zu erfahren. Allerdings lese ich sehr intensiv Sachbücher zu diesen Themen. Und als Schriftstellerin bin ich in der Lage, mich in eine andere Person hineinzudenken - egal, ob Opfer oder Täter. Ich hafe noch nie jemanden umgebracht, aber ich weiß, glaube ich, sehr genau, was in einem Mörder vorgeht.”
Folgen Sie beim Schreiben einem genauen Plan, den Sie vorher entworfen haben?“Überhaupt nicht. Auch als ich mit diesem Buch angefangen habe, wusste ich noch nicht, dass Magda irgendwann wahnsinnig wird. Ich beginne immer mit einer Grundidee, weiß aber nicht genau, was daraus wird, und kenne auch die Figuren nicht. Erst während des Schreibprozesses entwickeln sich die Charaktere, bekommen Konturen und werden immer detaillierter.”
Sind Ihre Schreibtage streng durchorganisiert?“Nein, das geht gar nicht, weil bei uns jeder Tag aners ist. Ich versuche, mir jeden Tag fünf bis sechs Stunden für das Schreiben zu orenisieren, egal zu welcher Tageszeit. Ich kann allerdings nicht schreiben, wenn in meinem Zimmer oder im Haus Chaos herrscht. Nur wenn alles um mich herum seine Ordnung hat, kann ich anfangen, chaotisch zu denken.

auszug aus einem anfang mit dem arbeitstitel "emma"

Wie die Verrückten schrieen sie das Kreuzige! Kreuzige! und verlangten, das sein Blut über sie komme! Die Masse tobte und warf die Arme in die Luft und verlangte nach Barabbas, den sie als Held feierten und dem sie zujubelten im blinden Vertrauen.

Emma war noch nie über etwas so entsetzt gewesen und hatte noch nie zuvor etwas so Demonstratives erlebt wie eben jetzt, als man die zwei Männer vorführte, die zur Wahl gestanden hatten, damit einer von beiden die Freiheit erlangte – und nun die Leute dem Verbrecher zujubelten.
Das Raunen, das von den Menschen kam, wollte nicht abebben. Immer noch zeigte der Finger des Richters auf Barabbas, dann aber glitt er wieder zurück, um auf dem Mann mit dem ruhigen Blick zu verweilen. So, als hätte der Richter die Antwort nicht verstanden, wiederholte er die Frage und erntete abermals nur den hasserfüllten Ruf:

Er werde gekreuzigt! Er werde gekreuzigt

Die erregte Menge mit den schadenfrohen Gesichtern klatschte in die Hände, jubelte und nickte, als hätte sie das schon immer gewusst, was heute geschah.

Verdrängt an den Rand stand eine andere Gruppe, aus deren Mienen Entsetzen sprach, Fassungslosigkeit, deren bittende Arme in traurigen Gesten erlahmten. Kein Wort des Trostes hatten sie füreinander. Ein junger Mann umfasste eine ganz in ihr Gewand gehüllte Frau, deren Augen vor Bestürzung groß und rund geworden waren. Eine junge Frau stützte sie von der anderen Seite und lauschte mit ihr – Kopf an Kopf – auf die Worte des Herrschers. Als der Richter sprach verflüchtigte sich das Quäntchen Hoffnung, das sie in sich trugen, in ein erschreckendes Nichts.

Ich bin schuldlos an dem Blut dieses Gerechten. Seht ihr zu! Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!


Damit gab der Richter den Barabbas frei für die Menge, die den in stinkende Fetzen steckenden Gefangenen unter Grölen von dem Schauplatz weg zog, um ihren Triumph gebührend zu feiern.