Sonntag, 23. August 2009

dicke zeit

eine kleine sommererzählung ... teil IV

Hanna denkt an die Auszeit, die sie sich nimmt.
Eine Pause vom Leben. Würde sie Antwort finden?


Es gibt nur einen Ausweg, wenn man einmal in ein Labyrinth geraten ist, das ist der Wille, sagte vor zwei Jahrhunderten eine Berliner Schriftstellerin.
Würde sie, Hanna, denn diesen Willen haben?
Ein Leben neu zu gestalten? Sich selbst aus dem Labyrinth zu lotsen?
Sie weiß es nicht.

Sie zahlt, nimmt ihr Rad und macht sich auf, um die Adresse aufzusuchen, die sie sich auf den Zettel notierte.
Sie findet das Haus in einer der idyllischen Nebengassen des Ortes.
Es ist ein Haus, das seine Tür in der Mitte der Front hat.
Ein Namensschild hängt neben dem Eingang. Emailliiert, gealtert, schafft es ein Pendant zu einem Seil mit Porzellangriff.
Als Hanna daran zieht, bringt sie eine Glocke im Hausinnerem zum schellen.
Die Tür wird geöffnet.
Ein Mann steht vor ihr.
Tiefbraune Augen. Kopf und Kinn sind eingebettet in graue Wolle.
Und dann sieht sie nur noch diesen lächelnden Mund, der sie ins Haus bittet.

Sie setzen sich in rotsamtene Sessel.
Geheimnisvoll, denkt Hanna, die schweren Vorhänge, die prallen Rosenköpfe auf der Tapete. Verrucht, denkt sie noch.

Der Mann riecht nach Farbe, nach Firnis. Vor allem nach Tabak und Wein.
Auf einem Tischchen stehen ein Krug und Gläser.
Der Mann erhebt sich und füllt ein Glas mit rotem Würzwein. Er reicht es Hanna.

Dann läuft er auf einen Vorhang zu, der von der Decke herabhängt. Wieder lächelt der Mann und reißt mit einem Schwung den Vorhang beiseite.
Hanna trinkt. Verschluckt sich. Hustet.

Sie sieht einen Diwan, den der Mann nun hin und her rückt.
Der Mann schaut, blinzelt, prüft das Licht, den Standort.
Als alles sein Einverständnis hat, legt er mit Schwung eine violette Seidendecke über das Möbel.
Die Decke bläht sich, erzeugt Wind, der Hanna streift.
Sie trinkt das Glas leer und stellt es ab.

Der Mann schiebt einen Paravent in Stellung.
Die Staffelei rutscht quietschend über den Boden, als er sie ein wenig entfernt vor dem Diwan platziert. Mit Kraft zieht er einen Tisch heran, auf dem Pinsel in Gefäßen dabei holprig in die Luft springen und Flüssigkeit aus Schalen schwappt.

Der Maler lacht.

Er wendet sich Hanna zu und bittet sie zum Liegebett.
Mit beiden Händen, die rau und trocken sind, greift er nach ihren feuchten Fingern und spricht ermutigend auf sie ein, schiebt sie dabei in Richtung Paravent.
Hannas Blick streift eine weiße Leinwand, die ihr Herzklopfen bereitet.

Weiß und fordernd hat sie noch die Fläche vor Augen, als sie unerwartet in ihr Gesicht schaut.
Ein Spiegel – mannshoch – hängt an der Wand hinter dem Sichtschutz.
Überdeutlich und ohne allen Kompromiss zeigt das Glas eine dicke Frau.

Zitternd, rotwangig, mit glitzernden Augen, zieht sie sich langsam das Shirt über den Kopf, zieht vorsichtig den Reißverschluss der Hose auf und lässt beides auf den Fußboden fallen.
Nach kurzem Besinnen löst sie energisch den BH-Verschluss, legt das Spitzengespinst auf den Kleiderhaufen – und schiebt entschlossen den Slip vom Po.
© by gh

fortsetzung folgt.

Freitag, 21. August 2009


der lieben BABS ein dickes ♥ DANKESCHÖN ♥ für diesen herzallerliebsten

amiga-award.

„So gibt es Regeln für diesen herzigen Amiga-Award: Erzähle 5 Dinge die Du gerne machst,dann reiche den Amiga-Award an 10 Personen weiter.“


gut, ich denke mal nach? :o)


1) gern lese ich nach getaner arbeit (manchmal auch vorher ;);

2) beim lesen aber werde ich nicht selten motiviert, zum stift oder zur taste zu greifen;

3) seit einiger zeit darf ich ein kleines, aber feines arbeitszimmer als mein reich betrachten; dort steht eine nähmaschine ... mehr brauche ich wohl nicht zu sagen ;o)))

4) ich genieße es in gesellschaft zu sein - einen tag im kreise von familie und freunden zu erleben, einen ausflug, ein picknick zu veranstalten, gäste einzuladen;

5) als letzten punkt möchte ich meinen glauben an jesus christus nennen, der mich in jeder lage meines lebens hält und trägt;


mit lieben grüßen - eure liv.



und nun möchte ich gern diesen liebenswerten award weitergeben an
janet, für ihre nie endende kreativität, und die sich wieder aufgerafft hat, etwas in ihrem blog zu schreiben ;))))
2) bienes seifengarten
für biene, deren sommerpause vorbei ist und die wieder übewältigende düfte produziert!
3) chrissis home
für chrissi, die fertig hat und kisten shabbymäßig anpinselt. :o)
für evelyn, die so vieles für andere stichelt!
5) landliebe cottage-garden
für manuela, die uns immer wieder mit ihren fantastischen traumgespinsten in weiß überrascht.
für gela, die uns den blick nach dänemark lenkt und uns den mund mit ihren schönen stoffen wässig macht ... :o)
für griselda, die notorische selbermacherin, die uns zeigt, was sie vielfältig näht!
8) mum kreativ
für claudia, die sich nicht nehmen ließ, bei 37°C die heizung zu aktivieren!!! :o))
für birgit, die englisch schreibt (dessen ich nicht mächtig bin :(), die aber den normalen gästehauswahnsinn und eine gesegnete zeit erlebt.
10) tag für tag - eine lebensreise
für elsie, die eine ganz besondere mum ist und immer noch zeit findet, uns reichlich an ihrem leben teilhaben zu lassen.

ich habe noch einen besonderen award zu vergeben.
die liebe chrissi überreichte ihn mir vor einige zeit schon.
so ganz am anfang meiner bloggerei.
da kannte ich noch wenige bloggerInnen und wusste nichts mit den regeln anzufangen :o(.
nun möchte ich diesen
lovely award
gern an die liebe schmetterlingskreativ von

vergeben - für ihre wunderschönen gedanken, für ihren kunstvollen ausdruck und vielfältige mal-ideen.

ihr dürft euch euren award abholen! :o))


wie schon einmal, sage ich wieder folgendes dazu:

"anmerken möchte ich noch, dass die vergabe des awards kein einordnen sein soll in gut und weniger gut.
ICH persönlich finde alle blogs einmalig schön. ich sehe die gedanken, die dahinter stehen, die mühe, das erzählen, das sich öffnen.
dafür ein danke an euch ALLE, dass ich an eurem leben anteil haben darf."

Sonntag, 16. August 2009

dicke zeit

eine kleine sommererzählung ... teil III
teile I und II sind hier nachzulesen.


Die Sonne bringt den Lack der weißen Holzveranda so sehr zum Leuchten, dass er Hanna blendet. Sie greift nach ihrer Tasche, sucht die neue, teure Sonnenbrille hervor. Beim Kramen findet sie den Zettel, den mit der Anschrift ... Hanna liest, sinnt, schüttelt den Kopf, will den Zettel zerknüllen – hält inne ... und nun bekommen ihre Augen den Ausdruck von etwas Festem, Sicherem.


Sie legt die Sonnenbrille aus der Hand, kramt weiter in der Tasche, schiebt Tasse und Teller beiseite und breitet dann den hervorgezogenen Stadtplan auf dem Tisch aus. An einer Stelle macht sie mit dem Kugelschreiber ein fettes Kreuz.
Dann erhebt sie sich, trägt das Geschirr in die winzige Küche, verstaut es im Spülbecken.
Im Badezimmer zieht sie ihre helle Leinenhose und den Baumwollpulli an, legt Make up auf, bindet ihr blondes langes Haar hoch und verlässt das Häuschen.
Im Schuppen findet sie das im Prospekt angekündigte Fahrrad. Sie probiert vorsichtig, tritt in die Pedale, spürt, dass das Rad sie trägt – und fährt los.

Der sandige Weg führt wieder an der Küste entlang. Jetzt nordwärts.
Sie fährt dort vorbei, wo der Öresund seine engste Stelle hat.
Nur ein paar Kilometer beträgt die Entfernung hinüber zur dänischen Insel Seeland.
Sie biegt nun in südwestlicher Richtung ab und durchradelt kleine Ortschaften, die verschlafen im zeitigen Morgen liegen.
Einmal bremst sie so scharf, dass ihr Hinterrad ausschert und sie vom Rad springen muss. Hanna durchwühlt in heißer Angst ihre Tasche und findet aufatmend den Zettel mit der Anschrift. Erleichtert fährt sie weiter.

Von weitem schon sieht sie einen Kirchturm, der in den blauen Himmel ragt. Der sandige Weg wird zur Straße mit holprigem Pflaster.
Eine Kleinstadt gruppiert sich um den Marktplatz.
Am Gemeindehaus hängt die blau-gelbe Flagge Schwedens. Sonnenschein spiegelt sich auch hier in blanken Fenstern. Vom Platz aus führen Straßen in verschiedene Richtungen.
Auf dem Markt tummelt sich schon fröhliches Leben. Stände werden mit Ware bestückt. Ladenbesitzer, die in den Häusern rund um den Platz ihre Geschäfte haben, öffnen ihre Türen und stellen Werbeständer davor.
Das Bild rundet sich und Hanna hat ihre Freude daran.
Sie erspäht ein kleines Kaffee in der Nähe des Marktbrunnens. Ein steinerner Junge lässt seinen Pinkelstrahl im Tageslicht glitzern.
Belustigt sucht sich Hanna einen Platz an einem der runden Tische, bestellt sich einen Cappucchino und lehnt sich entspannt zurück.

© by gh

fortsetzung folgt.

Montag, 3. August 2009

demenz

Meine kleine liebe Mama. Meine kleine, liebe, verrückte Mama.

Ich ahnte es.
Immer wusste ich schon im Voraus, wenn ich wieder zurückkam – weil ich gegangen war, um etwas zu besorgen – was mich erwarten würde.

Meine Hand zitterte, als ich den Schlüssel ins Schloss schob.

Da saß sie. Verängstigte Augen. Flatternder Vogel im Käfig. Kopf kaputt.
Ich hätte kotzen können!
Ich würgte und würgte und schluckte. Und lächelte.

Meine kleine verrückte Mama!
Der Geruch – der Geruch – nie würde ich diesen Geruch vergessen! Er fuhr mit rasender Geschwindigkeit in meine Nase, an den Schleimhäuten entlang hinab in den Magen und wendete ihn um und um. Keine Hand vor dem Mund schützte. Der Kot klebte ihr an den Beinen, zwischen den Zehen. Sie pulte ihn sich aus den Händen und beschmierte ihr Gesicht.
Mama! Ich hielt die Hände fest, die mich streicheln wollten. Die Wandfläche in ihrem erreichbaren Umkreis zeichnete ein groteskes Muster. Zum hundertsten Male. Ich rannte halb blind vor Tränen zu der Kiste mit den Latexhandschuhen, wischte mir die Tränen ab, heulte erneut. Mama. Meine arme Mama.

Hab ich ...? Nein, Mama, du hast nichts ...
Ich holte Schüssel, Seife, Lappen, zwang die wandernden Füße ins Wasser, fasste die Hände – zwei unruhige Libellen – mit festem Griff. Mama! Halt doch stil! Die Bitte kam nicht an in ihrem Kopf.
Sie sah. Was ich nicht sah. Ihr Blick glitt vorbei, bohrte ein Loch ins Fensterglas, flog hinaus in die Wolken. Ich verlor derweil meinen Geruchs- und Geschmacksinn. Schob das beiseite, was Empfindung heißt. Putzte, schrubbte. Ließ Wasser in die Wanne, hievte den widerwilligen Menschen hinein. Leise summte der Wannenfahrstuhl und tauchte den Mensch in warme Wellen.

Da wurde der Mensch zur Frau, mit einem Blick, der sich vom Umherhuschen entspannte. Ein Leuchten, ein Zurücklehnen, ein Augenschließen.
Mama, du machst das. Mit Absicht. Weil du das hier willst.

Sie sitzt, summt, ich putze, schrubbe jetzt Wände, Teppiche, Decken, lüfte, mache Durchzug. Ich wage es zu atmen.
Meine liebe arme Mama. Ich föhne dir das Haar.
Lasse alle Sehnsucht hineinblasen, alle Erinnerung und suche doch nach der alten, die es nicht gibt: der Erinnerung der letzten Jahre. Kämme und suche und wühle und werde fuchsig, weil ich nichts finde.
Au! Verzeih, ich war zu wild, Mama. Aber ich suche ... dich ... wo hast du dich nur versteckt?

Manchmal wollte ich es nicht wahrhaben, dass sie gegangen war, schon lange, vor Zeiten – an einem Sommermorgen, als sie feststellte, dass die Buchstaben im Buch keine Worte mehr waren.
© by gh