Samstag, 6. März 2010

Mary & Bill

Quelle: klick aufs Bild
Nighthawks - Edward Hopper

Mary & Bill
Der Versuch, Leben in ein Bild zu hauchen ...
(Schreibaufgabe eines nicht mehr existenten Schreibforums.)


"Es ist so still hier, Billy."
"Ja, Mary, das ist es."
"Weshalb ist es so still?"
"Das ist gewollt, Mary."
"Von wem gewollt?"
Bill kratzte sich an der Nase. "Da muss ich nachdenken."
"Es ist so trist hier, Billy."
"Ja, Mary, es ist trist, das stimmt."
"Und weshalb ist es so trist?"
Bill zupfte sich am Ohr. "Da muss ich nachdenken."
"Oh, Billy! Du machst mich wahnsinnig!"

Mary zupfte an ihrem Kleid und rückte sich in eine bequemere Position auf dem Barhocker zurecht.
"Also, Billy, was ist nun? Hast du eine Lösung?"
"Ich denke schon."
"Na los, sag! Spann mich nicht auf die Folter!"
Bill lüftete seinen Hut, fuhr mit der Hand über das pomadisierte Haar, setzte diesen wieder an Ort und Stelle und sagte: "Es ist so still und trist, weil es gewollt ist."


"Weil es gewollt ist?" Mary zog ihre Stirn kraus.
"Von wem gewollt?"
"Na, überleg mal", antwortete Bill etwas genervt.
"Ich komm nicht drauf. Wer könnte wollen, dass es hier keine Bilder an den Wänden gibt, keinen witzigen Kalender, keine Musikbox. Nicht einmal eine Pflanze verschönert den Laden. Komm, spuck's endlich aus, Billy!"


"Mary, Darling, wer kann schon wollen, dass es so ist wie es ist? Na? ... Edward doch!"
"Welcher Edward?"
"Welcher Edward! Du meine Güte, weißt du denn gar nichts?" Bill wandte sich an den Barkeeper.
"He, Jo, mach mir noch mal das Selbe", und reichte dem Mann mit dem Käppi sein Glas.

"Billy!" Marys Stimme schnappte über. Bill hatte manchmal eine Art, die
machte, dass ihr der Kopf dröhnte. Immer sprach er in Rätseln.
"Mary, weißt du wirklich nicht wer Edward ist? Edward Hopper?" Ein spöttisches Lächeln bildete sich auf Bills Lippen.
"Oh Billy, ist das der Kerl, der uns gemalt hat?"
"Yes, Darling! 100 Punkte!" Bill feixte.


"He Bill, dein Martini!" Jo reichte dem Mann im blauen Anzug das bestellte Getränk.
"Ach bitte, Jo, mach mir einen Shake - mit einem großen Schuss Likör!"
"Gern, Mary."
"Wieso hat Edward alles so karg geschaffen?"
"Wie soll ich das wissen, Mary?" Bill stöhnte.
"Vielleicht mag er keine Schnörkel. Sicher gefallen ihm klare Objekte."
"So wie's hier aussieht magst du recht haben, Bill." Mary stütze ihr Gesicht auf ihre Hände.
"Könnte man wohl daran etwas ändern? Weißt du, ich würde einmal etwas ausprobieren."
"Was willst du ausprobieren? Deine Möglichkeiten sind begrenzt."
Bill nippte am Martini und ließ ein kleines genüssliches Seufzen hören.
"Siehst du die Straße? Wenn wir nun einfach aus der Tür gehen würden ..." Marys Augen tasteten sich durchs Fenster hinaus auf den Gehweg.


"Und dann?" Bill war nicht ganz davon überzeugt, ob es Sinn machte, Marys Gedanken zu folgen.
"Schau dich um. Gegenüber gibt es ein Geschäft. Was das wohl für eines ist? Was mag sich darin verbergen?"
"So wie deine Augen leuchten, liebe Mary, verbirgt sich wohl die tollste Überraschung dahinter", lachte Bill.
"Ach Billy! Nimm mich ernst!" Mary sah gespannt aus dem großen Schaufenster von Phillies Bar.
"Sieh da oben, Bill! Die Rollos sind nur zur Hälfte herabgelassen. Wer mag dort wohnen?"
"Interessiert dich das wirklich? Ich würde lieber die Straße hinunter gehen." Bill schaute rechter Hand aus dem riesigen Fenster.
"Dort sieht es ja noch trostloser aus! Was hat sich wohl dieser Kerl dabei gedacht, dieser Edward XY? Nicht mal einen Gehweg gibt es, keine Bank, keine Tiere, keinen Kinderwagen ... und keine Laterne."


Fröstelnd schüttelte Mary ihren Körper.
"Wahrscheinlich liebt dieser Edward HOPPER die Stille", wehrte Bill Marys Einspruch ab.
"Nicht jeder ist so romantisch wie du."
"Das hat doch nichts mit Romantik zu tun! Man schaut in ein Nichts. Es könnt einen gruseln!"
Bill sah, wie die feinen Härchen auf Marys Armen den Aufstand probten.
"Dann schau nicht hin. Trink deinen Shake. Du hast dich nicht mal bei Jo bedankt", stellte Bill ermahnend fest.
"Oh Jo! Danke für den Shake! Sorry, habe gar nicht bemerkt, dass du ihn mir gebracht hattest", rief Mary mit heller Stimme dem jungen Mann zu.
"It's okay, Mary!"


"Hast du das gehört?" Die junge Frau neigte ihren Kopf zu Bill.
"Was soll ich gehört haben?" Wieder nahm Bill einen Schluck aus seinem Glas und wieder durchrieselte ihn ein Wohlgefühl.
"Na, den Klang seiner Stimme. Jo's Stimme klingt wie aus einem blechernen Lautsprecher."
"Woher willst du wissen, wie ein blecherner Lautsprecher klingt?" Bill verzog spöttisch sein Gesicht.
"Ich weiß es eben. Vielleicht hat dieser Edward HOPPER mir einen Sinn dafür gegeben", entgegnete Mary Bills Einwand mit gleicher Ironie.
"Klar! Weil du ein rotes Kleid trägst und rotes Haar hast bist du prädestiniert für die feinen Gefühle! Also, weißt du...! Bill prustete in sein Glas, das leer war.


"He Jo!..."
"Das Selbe?"
Bill nickte.
Mary nippte an ihrem Shake und leckte mit den Lippen einen Rest Likör ab.
Wie lange saßen sie jetzt eigentlich in Phillies Bar? Einen Abend? Eine Woche?
Sie schaute sich um und bemerkte den einzigen anderen Gast außer ihnen. Auch er trug Anzug und Hut, hatte einen Drink vor sich stehen. Er ist so merkwürdig ruhig, dachte Mary.

"Kennst du diesen Mann?" Mary nickte in die Richtung des Fremden und schaute dann Bill an.
"Nein, nie gesehen."
"Frag ihn doch mal, ob er sich zu uns setzen möchte. Er sieht so einsam aus."
"Das kann ich nicht." Bill stöhnte schon wieder.
"Weshalb kannst du das nicht?", fragte Mary ihren Partner gereizt.
"Ist das so schwierig: Ein Mann fragt einen anderen Mann, ob er Unterhaltung möchte?"
"Siehst du es denn nicht?"
"Was soll ich sehen, Billy?"
"Oh Mary, siehst du nicht, dass er gemalt ist? Er kann nicht rüber kommen."
"Billy!" Wie ein Lichtblitz hing das Wort über dem Tresen.
"Gemalt, Billy? Wie schrecklich!"
Traurig schaute Mary in ihr Glas mit der Milch, die nur noch aus einem Haufen Schaumbläschen bestand.

"Was denkst du, Mary?" Bills Lider hatten sich halb über seine Augen gesenkt.
Was sie dachte?
Wie gern stünde sie von diesem unbequemen Hocker auf, würde aus dieser Bar laufen und nach diesem dummen Maler suchen. Sie würde ihn bitten, Leben in die Straße zu hauchen.
"Na, nun sag schon!"
"Was soll ich denken? Verstehst du eh nicht." Schmollend verzog die rot gekleidete Frau ihren Mund.
"Es käme auf einen Versuch an ..."
"Ach Billy, soll ich wirklich ...?" Mary stoppte mitten im Satz.

Wieder schaute sie zu den Rollos hinüber. Nichts hatte sich verändert. Noch immer waren diese halb herabgelassen, noch immer war Dunkelheit im Laden gegenüber und noch immer führte die Straße ins Nirgendwo.

"Billy, ich möchte, dass wir aufstehen und gehen. Lass uns Edward Hopper suchen und mit ihm reden. Vielleicht ... vielleicht könnten wir uns dann auch ... küssen?" Mary wurde rot. Was redete sie da? Ihr Herz klopfte.
In Bills Gesicht spiegelte sich ein Hauch Verlegenheit wider.
"Nett, wie du das sagst, Mary. Ich möchte dich auch küssen. Aber es geht nicht."
Traurig schaute der Mann in die schönen Augen der Frau.
"Weshalb nicht, Billy?" fragte Mary leise.
"Weil, Liebes, alles um uns herum gemalt ist und wir nie aus dieser Tür gehen können."
"Aber – weshalb können WIR uns bewegen?" Bill konnte sie kaum verstehen.
"Tja, das weiß nur Edward Hopper!"

copy by gh 2005

Montag, 4. Januar 2010

HANNA

Foto aus: Weihnachten feiern (Bianka Bleier)

Weihnachten ist noch nicht zu Ende. Das offizielle "Schlussdatum" ist der 2. Februar. Darum, denke ich, ist die etwas andere Weihnachtsgeschichte noch passend ... oder?



Hanna



Hanna hatte einen Traum.
Sie hatte den Traum, den alle ängstlichen und geplagten Geschöpfe haben.
Sie träumte, von der Angst und der Plage befreit zu werden, die das Leben so schwer und unfrei machten.
Der Traum, den sie träumte, trug etwas Besonderes in sich. Sie wusste, dass dieser Traum einer Prophezeiung gleich kam.
Und sie wusste, dass Gott ihr diesen Traum gesandt hatte.


Noch einmal beugte sie sich mühsam ihren Füßen entgegen und schloss das Riemchen der zweiten Sandale.
Ihr schmerzte der Rücken.
Hanna zählte vierundachtzig Jahre. Die Gesundheit war aufgebraucht durch die Last und Mühsal der gelebten Zeit.
Sie nahm den Leinenbeutel, der ein wenig Brot und einen Rest an Schafskäse enthielt, und machte sich wie jeden Morgen in den nun rund sechzig Jahren auf den Weg zum Tempel.
Die Luft in der dämmrigen Frühe war frisch und kühl, ließ ihren Kopf klar werden und wusch den Rest des kurzen Schlafes aus ihren Augen.
Niemand begegnete ihr in den leeren und ruhigen Gassen Jerusalems.
Nur aus den Ställen, die rechts und links am Wege lagen, vernahm sie vertraute Laute – das leise Meckern eines Zickleins, das Bellen eines träumenden Hundes oder das dumpfe Grummeln der dicken Wollschafe.


Ihr kam wieder in den Sinn, wie kurz die Zeit an der Seite des geliebten Ehemannes, wie voller Hoffnung der Beginn ihres gemeinsamen Lebens gewesen war.
Sie hatten einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. Bald schon konnte sie die Wolle ihrer Schafherde auf dem Markt verkaufen, und ihr Mann lobte stets den Käse, den sie sorgfältig herstellte.
Nur sieben gemeinsame Jahre waren ihnen vergönnt gewesen. Sieben Jahre lang lag sie nachts neben ihren Mann, von dem sie keine Nachkommen hatte.
Sie war so jung schon Witwe geworden, und niemand war da, der für sie in Notzeiten sorgte. Lag sie krank danieder, war Hanna auf Almosen angewiesen.
Wie froh war sie in solchen Situationen über die liebevolle Fürsorge ihrer Nachbarin, die sie dann mit einer Schale nahrhafter Suppe und Brot versorgte.


Dankbar erkannte Hanna, wie ihr Gott, dem sie all ihr Vertrauen geschenkt hatte, sie durch bittere Zeiten hindurch trug.
Immer öfter ging sie hinauf in den Tempel der Stadt.
Um Gott zu dienen, fastete und betete sie. Dieses Tun wurde ihr so zum Bedürfnis, dass sie oftmals nicht bemerkte, wie die Tage in Nächte übergingen.


Beglückt lächelte sie in die Bläue des Morgens, als sie sich daran erinnerte, wie ihr Handeln belohnt wurde: Sie durfte wissen, dass es einen Trost geben würde – für sie selbst und für ihr jüdisches Volk.
Und so lief sie auch heute wieder voller Zuversicht zum Tempel auf den Berg.
In Gedanken sah sie die vielen Öllämpchen an den Tempelmauern, die einen heimeligen Lichtschein verbreiteten.
Viele Stunden würde Hanna vor Gott in Anbetung verharren.
Sie kannte nichts schöneres, als all ihre Gedanken in die Richtung zu schicken, aus der ihr Kraft und Freude erwuchsen, und aus der die Erlösung von ihrer Schuld kam, mit der jeder Mensch geboren wurde.


Hanna hatte am Tempel den Hof der Heiden erreicht, durchquerte diesen und lief hinauf über die ungleichen Stufen in den Vorhof, der für die Frauen bestimmt war.
Ihre Schritte waren hastig und beinahe wäre sie über eine steinerne Schwelle gestolpert.
Noch rechtzeitig stützte sich Hanna an der rauen Steinmauer ab.
Was war nur heute Morgen los mit ihr?
Schon beim Erwachen in der frühen Stunde hatte ihr Herz ungewohnt rasch geklopft.
Während sie so in ihre Gedanken versunken dastand, wurde sie urplötzlich von der aufgehenden Sonne getroffen, die ihre Strahlen über den Rand der Mauer schickte.
Ihre Seele wurde leicht und froh.
Eifrig setzte sich Hanna wieder in Bewegung und suchte sich, angekommen auf dem geräumigen Platz der Beterinnen, eine stille Ecke zur Andacht.


In ihre Gebete vertieft, achtete Hanna nicht auf die Stimmen von der hinzugekommenen kleinen Gruppe Menschen.
Sie wurde erst aufmerksam, als sie tiefe markante Männerlaute wahrnahm.
Das ist doch Simeons Stimme, dachte Hanna. Was macht er heute hier? Es ist nicht sein Tag. Und seine Stimme klingt so aufgeregt ... was hat er denn?
Hanna erhob sich schwerfällig von ihren Knien. Mit kreisenden Bewegungen versuchte sie, die Schmerzen aus ihnen zu verjagen. Keuchend richtete sie sich auf und wandte sich um.
Ihr Herz tat einen Hüpfer und begann wieder stark zu klopfen.


Behutsam lenkte sie ihre Schritte in die Richtung der angekommenen Leute.
Ihr Blick fiel auf Simeon mit seinem weißen Haupt- und Barthaar, das die einfallenden Sonnenstrahlen zum Leuchten brachten. Der gerechte und gottesfürchtige Simeon, der wie sie auf den Trost Israels wartete!
Aber – was trug er denn da? Und was sprach er zu dem Mann und zu dieser jungen Frau, die wie gebannt an seinen Lippen hingen?


Simeon hatte sein Haupt erhoben und blickte in den Himmel. Seine Lippen bebten ein wenig und seine Wangen hatten sich gerötet. Sicher zitterten auch seine Hände, aber das konnte Hanna nicht erkennen, weil er ein kleines Kind auf den Armen trug.
Nun senkte der Mann sein Antlitz dem Kind entgegen und er erhob seine Stimme aufs neue, sodass Hanna deutlich hören konnte was er sagte:
„Herr, jetzt kann ich in Frieden sterben. Denn ich habe den Befreier gesehen, den du der ganzen Welt gegeben hast. Er ist das Licht für alle Völker, und er wird der Ruhm für dein Volk Israel sein.“


Der Mann und die junge Frau sahen sich verwundert an.
Mit einer unendlich zärtlichen Geste gab der weise Mann dem Paar das Kind zurück. Simeon legte seine großen Hände auf deren Köpfe und segnete sie.
Der jungen Mutter aber sagte er:
„An diesem Kind wird sich das Leben vieler Menschen in Israel entscheiden; denn es wird entweder ihr Richter oder ihr Retter sein. Viele werden sich ihm leidenschaftlich widersetzen und dadurch zeigen, dass sie gegen Gott sind.“
Wieder nahm er seine Hände und legte sie in einer schützenden Gebärde um die Wangen des Weibes. Im bitteren Wissen senkte er seine Stimme:
„Der Schmerz darüber wird dir wie ein Schwert durchs Herz dringen.“


Hanna bebte am ganzen Körper.
Eilends lief sie nun auf die kleine Menschenansammlung zu.
Sie umarmte die junge Frau und ihre steifen Finger glitten behutsam über das kleine, warme Gesichtchen des schlafenden Kindes
Ihr Herz wollte schier bersten vor Freude und Dankbarkeit!
Laut lobte sie Gott!


Sie – nur eine arme Witwe, eine Frau aus dem Stamme Asser, die einen Traum hatte, durfte erleben, wie dieser Traum erfüllt wurde.
Der Messias war geboren!


Lukasevangelium Kapitel 2, Verse 29–32, 34+35 - Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“
© gh/2006 (überarbeitet 2010)

Dienstag, 10. November 2009

Das Cenacolo


Da Vincis Cenacolo
oder
Das fehlende Kreuz



Mit Speichel benetzte ich das Ende des Fadens, der mir in der Farbe einer rosa Hortensie entgegen leuchtete, zog es durch das Öhr der Nadel und stickte das vorletzte Kreuz im Umhang des Johannes.
Das Abendmahl. Von da Vinci.
Mein innig geliebtes Motiv!
Wieder hob ich die Nadel, um das letzte Kreuz auf das Leinen zu sticken.
Traurigkeit erfüllte mein Gemüt.
Noch einmal konzentrierte ich mich und stach die Nadel durch den Stoff, tauchte ein in das Gewirr von sich kreuzenden Fäden ...



... und spuckte aus.
Schlamm füllte meinen Mund, presste sich gegen meine Wange, glitschte zwischen meinen Fingern hindurch und nahm mir die Sicht.
Hustend richtete ich mich auf.
Ich rieb mir die Augen: Neben mir ragten schiefe Fachwerkhäuser empor. Obwohl ich mitten auf dem Weg lag, hätte ich mich zu beiden Seiten anlehnen können, so eng war die Gasse.
Mit den rauen Ärmeln meines Kittels wischte ich mir die Mischung aus Erde und Fäkalien von der Zunge, die meinen Magen gegen das Zwerchfell presste.
Ich erhob mich.


Aus einem der schiefen Katen stürzte ein Mann und fluchte einem Jungen mit erhobenen Armen hinterher.
Zornesrot blieb er stehen.
Als er mich erblickte, hob er von neuem an zu brüllen:
„Steh nicht so faul rum, komm her und hilf!“
Ich zuckte zusammen.
„Na wird’s bald, Weib?“
Meine Hände verkrampften sich ineinander.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, bog sich mein Körper nach hinten. Langsam setzte ich einen Fuß rückwärts.
„Bist wohl eine von den Feinen!“ Während er das sagte, kam er mir näher und schielte auf meine Hand, zwischen deren Fingern ich meine goldene Sticknadel hielt.
Der Mann fasste mich derb am Arm.
„Meine Alte! Sie hat die Scheißerei!" Spucketropfen befeuchteten mein Ohr und machten, dass mir Gänsehaut über den Rücken lief.
Die fetten Finger drückten mich an der schief ihren Angeln hängende Tür vorbei in die Kate.
Kotgestank drang in meine Nase und ließ mich würgen.
Im diffusen Licht bewegte sich stöhnend eine Gestalt auf einem Bettgestell.
"Hilf ihr und setz sie auf den Pott! Und wehe, du lässt sie fallen wie der Bursche!“
Noch ehe ich etwas erwidern konnte, stoppte ein Geräuschensemble vor der Hütte das Gebrüll des Mannes.
Rädergerassel und quietschende Bremsen ließen den Gesichtsausdruck des Keifenden verändern und aus seinem Haus huschen. Draußen durchwatete er das kurze Stück bis zum Ende der schlammigen Gasse und kratzfußte vor dem aus einer Kutsche steigendem Herrn.


Wie von selbst bewegten sich meine Beine. Ich hielt mich eng hinter dem buckelnden Mann, um einen Moment abzupassen, in dem ich fliehen konnte.
„Meister Ludovico, was schreit Er so? Man hört Ihn in der Gasse! Seid Ihr ein altes Marktweib geworden?“
Der Herr aus der Kutsche stand mit dem Rücken zur Sonne, die mich blendete, sodass ich nur den Umriss einer hageren Gestalt ausmachen konnte.
Devot wehrte der Angesprochene die Unterstellung ab.
"Gnädiger Herr, mein Weib ... ich benötige Hilfe ... da ist ein unfolgsames ...". Abrupt hielt der sich Duckende inne, als sein Gestikulieren einen seiner Arme in meinen Bauch schlagen ließ. Wir drehten uns im Kreis, und angstvoll trat ich hinter ihm hervor.


Ich stand wie versteinert auf meinem Platz, als der Herr aus der Kutsche seinen Blick auf mich richtete. Ernst musterten mich tiefliegende Augen unter buschigen Brauen. Dabei strichen seine Finger bedächtig über seinen Bart, fuhren an den dicken Augenbrauen entlang.
Die herabgesunkenen Mundwinkel hoben sich und ein Leuchten trat in seine Augen.
„Ich wusste, dass Ihr kommt, gnädiges Fräulein. Mir ward ein Traum zuteil, in dem man mir Euer Erscheinen ansagte.“
Nun reckte er sich, breitete seine Arme aus und fragte augenzwinkernd:
„Hat man Euch der guten Kleider beraubt? Seid versichert, ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihr standesgemäß ausstaffieret werdet."
Der Herr, der schon ein Greis war, reichte mir seine Hand. "Nun vertrauet mir und begleitet mich!“
Er raffte sein Gewand und stieg umständlich in die Kutsche. Auf sein Geheiß hin nahm ich neben ihn auf dem Ledersitz Platz.


Der Kutscher trieb die Pferde geschwind von der schäbigen Gasse fort.
Hochgewachsene Platanen säumten eine Allee und verströmten ihren Blütenduft.

Während ich durch das Geholpere der Kutsche immer näher an den Alten gerüttelt wurde, meinte ich in der Ferne ein mir bekanntes hohes Bauwerk zu erkennen.
Denk nach! befahl ich mir.
Diese roten Steine, diese runden Öffnungen über dem imposanten Portal!
Der blaue Himmel über allem! Du kennst das doch! feuerte ich mich an.
Und mit einem Schlag wusste ich es – dieser große gewaltige Turmaufbau, diese unzähligen Bogenfenster konnten nur zu einem Gebäude gehören!
Begeistert stellte ich fest, dass wir auf Santa Maria della Grazie zufuhren. Ich konnte es nicht fassen!


Als der alte Mann mir aus dem Wagen half, bauschte sich sein langes Gewand hell und von feinster Qualität um seine magere Gestalt.
„Ähm, hallo Sie!“ Vor lauter Aufregung kratzte meine Stimme.
„Entschuldigung, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
Verwundert über die seltsame Anrede schaute der Mann mich an und nickte.
„Bin ich in ... Mailand?“
„Warum nicht?“ Ein geheimnisvolles Schmunzeln ließ sein Antlitz freundlich wirken.
„...Aber wie..., aber...es ist so...anders...alles!“
„Wie sollte es denn sein?“ Jetzt begann der Greis zu kichern.
„In welchem Jahr leben Sie hier?“, brach es aus mir heraus.
„Gut. Ich nehme nicht an, dass Ihr Spott mit mir treibet. Ich will wahrheitsgemäß auf Eure mir befremdliche Frage antworten."
Sein Kichern verebbte.
"Wir schreiben das Jahr Anno Domini 1518.“
Mir fiel die Kinnlade herunter.


Ein madonnenhaftes Mädchen öffnete das Portal der Kirche.
Freudig begrüßte sie den Alten. Beide wechselten ein paar Worte, die ich nicht verstand. Der Alte drückte seine Hand in meinen Rücken und schob mich durch den Eingang.
Ich stand in der Kirche Santa Maria della Grazie!
Meine Sinne wurden von der Ausmalung der hohen Räume gefesselt, wurden hierhin und dahin geleitet, bewegten mein Herz und ließen meinen Mund offen stehen vor Staunen.
Erst als mein nackter Arm berührt wurde und eine Stimme mir etwas zuflüsterte, kam ich allmählich wieder zu mir - zurück in eine Gegenwart, die nichts mit dem realen Dasein gemein hatte, in dem ich sonst zu Hause war.
Langsam formte sich die Stimme in meinem Ohr zu Worte.
"Gnädiges Fräulein, auf Geheiß meines Oheims bringe ich Euch neue Kleidung. Seht, hier gibt es eine Kammer, in der Ihr Euch umkleiden könnt."
Damit drängte mich vorsichtig das Madonnen-Mädchen in die Richtung einer schmalen Pforte.


Nach weniger als zehn Minuten betrat ich erneut das Kirchenschiff, bekleidet mit einem scharlachroten Gewand unter einem grünen Samtmieder.
Oberhalb meiner linken Brust steckte darin meine Sticknadel mit ihrem Rest rosa Fadens.
Der alte Mann, der sein Haupt mit einer weißen, langbändigen Haube bedeckt hatte, winkte mir zu.
Nebeneinander schreitend hörten wir auf den Widerhall unserer Schritte, der von Wänden und Decken des Dominikanergebäudes zurückgeworfen wurde.
Vor einem Holzgerüst legte der Greis seine Hand auf meine Schulter und zwang mich, stehenzubleiben.
Er umfasste mit beiden Händen eine Holzstrebe und zog das Gerüst beiseite, so dass ich erkennen konnte, was sich dahinter befand.


Konnte ich meinen Augen trauen?!
An einer Tafel sah ich dreizehn sich miteinander unterhaltende Personen sitzen. Eine Person saß mit geneigtem Kopf in sich gekehrt und doch aufmerksam zuhörend inmitten der Gruppe.
Das Bildnis hatte in etwa die Größe von fünf mal neun Meter und war direkt auf die Wand aufgebracht worden.


Mir wurde schlecht.
Ich presse meine Lippen zusammen. Öffnete sie wieder. Schluckte.
„Das ist“, hörte ich mich heißern flüstern, „das ist ja das Cenacolo. Das Abendmahl!“
Fassungslos starrte ich nun den Mann neben mir an.
„Sind Sie etwa ...?“, ich konnte den Gedanken nicht zu ende denken.
Und noch einmal: „Sind Sie – Leonardo da Vinci?“
„Wusstet Ihr dies nicht?“ Verwundert schaute mich der große Meister an.
„Aber nein ... und doch ... Sie kamen mir bekannt vor. Nur war mir nicht bewusst, weshalb.... Aber – was tue ich hier?“
Das Gesicht des genialen Mannes überzog ein Schatten.
„Es ist nicht vollendet. Das Cenacolo ist nicht vollendet!", rief er beschwörend aus. Er drehte sich um sich selbst, so dass sich sein Gewand bauschte und blähte, schmiss die Arme in die Luft ...
"Die Mixtur der Farbe – ich kenne sie nicht mehr. Die Aufzeichnungen - dahin - gestohlen, verloren - ich weiß es nicht...." Stöhnend stieß er die Wortfetzen in die Kühle des Raumes.
"Nun", tief atmend versuchte der Maler sich zu beruhigen, "in meiner seelischen Not geschah mir Hilfe. Eines Nachts sah ich im Traum Euch sitzen und arbeiten und Ihr hattet einen Faden ...“
„He, Meister!", unterbrach ich ihn aufgeregt. "Sorry, aber nun weiß ich, was zu tun ist!“
Er zog zwar die Augenbrauen in die Höhe ob der Ungewöhnlichkeit meiner Wortwahl, ignorierte sie aber und erwiderte:
„Ja? Seid Ihr Euch sicher?“
„O ja. Ganz sicher!“


Der dunkle Schatten über dem Gesicht da Vincis verflog und ein erlöstes Lächeln bemächtigte sich seiner. Zitternd fragte er:
„Dann bleibt es für die Ewigkeit erhalten?“
Ich konnte nur nickten.


In meinen Ohren begann es zu rauschen.
Wie nicht ganz bei mir zog ich die goldene Nadel aus meinem Mieder und stach sie in die kleine freie Fläche im Mantel des Jüngers.
Fäden kreuzten sich, Mörtel rieselte, eine sich verabschiedende Stimme verhallte ...


... mein Kopf schmerzte, als ich erwachte.
In meinem Schoß lag ein Leinentuch, besprenkelt mit hellen Blutstropfen.


gh/06

Donnerstag, 5. November 2009

DANKE!

die liebe babs hat mich herzlich überrascht mit dem beste-idee-award.
liebe babs, habe ganz lieben dank dafür!
du hast mir große freude bereitet.
allerdings: zur vergabe der awards schreibe ich später noch etwas dazu.

Freitag, 23. Oktober 2009

ilse kommt


Die Siebziger Jahre
Ilse kommt
(eine appetitanregende weihnachtsgeschichte ...)

Am Weihnachtsmorgen haben glücklich machende Düfte sogar die Macht, Wände und Türen zu durchdringen. Sie legen sich auf Gaumen- und Magenschleimhäute. Den Anwesenden läuft das Wasser im Mund zusammen.

Vater steht im Wohnzimmer und raucht. Heute darf er das.
Es ist Weihnachten.
Aber heute musste er auch seine geliebte blaue Schafwolljacke gegen einen salonfähigen, gut sitzenden Cardigan tauschen. Sein Haar ist mit Brillantine in Form gebracht und sein Kinn glatt rasiert. Er duftet und steht aufrecht da, eine Hand in der Hosentasche, die andere hält in selbstsicherer Pose eine Zigarette.
Bläuliche Schwaden verlieren alle Hemmungen und umhüllen weißgewaschene Stores.
Mutter senkt deshalb schon den ganzen Tag die Augen.
Und Mutter denkt: Es ist Weihnachten und verschluckt den auf der Zunge lauernden Vorwurf bezüglich der gefährdeten Gardinen.

Es klingelt.
Ilse kommt! schreit die Familie mit verdrehten Augen.
Ich öffne. Ilse steht verlegen in der Kälte, rote Wangen im weichen, alten Gesicht. Helllichtes graues Haar lockt sich freundlich um die Ohren.
Bin ich zu früh? fragt schüchtern ihr Mund.

Ach nein! antworte ich und ziehe Ilse ins Warme. Wir kennen uns schon lange, seit der Geburt meiner Kinder – und von noch früher – aber wir sind beim vornehmen Sie geblieben.
Geben Sie mir den Mantel, bitte. Hausschuhe? frage ich.
Aber nein – Ilse hat alles dabei. Selbstverständlich auch das kleine Spitzentaschentuch, mit dem sie die feuchten Augenwinkel und die tropfende Nase bearbeitet.
Ich hänge ihren schweren Pelz auf einen Bügel an die Garderobe. Sie zieht die gefütterten Hausschuhe an die Füße, und ich schiebe Ilse vor mir her ins Zimmer.
Mein Vater wendet sich um. Ilses Augen strahlen. Frohe Weihnacht wünscht Ilse. Frohe Weihnacht erwidert mein Vater. Und er bittet: Nehmen Sie doch Platz – hier im Sessel? Auch sie sind beim höflichen Sie geblieben.
Gern. Ilse gleitet sanft in das weiche Polster.
Mein Vater drückt vorsorglich seine dreiviertel gerauchte Zigarette aus und schiebt den Aschebecher außer Reichweite.
Ilse reibt sich die Hände. Wo sind die Kleinen? fragt sie mich neugierig.
Die Kleinen sind bei Oma in der Küche. Dahin muss ich jetzt auch wieder. Sie helfen kochen. Zwischen vier und sechs Jahren sind Mädchen besonders eifrig im Unfug anstellen ...

Als hätten sie’s gespürt, öffnet sich die Tür und Oma schreitet – jawohl! – schreitet mit den Mädchen herein. Sie trägt eine Platte zwischen den Händen: Gänsebraten. Die Mädchen tragen jeder eine Schüssel. Rotkraut, Gemüse, ein Kännchen mit Soße.
Ach, denke ich, lasst das nur nicht fallen! und eile ihnen entgegen, um die guten Leckereien abzunehmen.
Wir platzieren Platte und Schüsseln in formvollendeter Ästhetik in die Mitte des fein gedeckten Tisches.

Ilse erhebt sich.
Kann ich helfen? Und schon steht sie in der Küche, mitten im Dampf des Kloßwassers und schnuppert und riecht und schaut und guckt. Davon werden ihre roten Wangen noch glühender, ihre Locken noch lockiger.
Oh, grüne Klöße! jauchzt sie. Dann erblickt sie das Ofenblech, auf dem noch vor wenigen Minuten die knusprige Gans thronte. Ihre Augen weiten sich. Schnell schiebt sie das Anstandstaschentüchlein in ihren Ärmel, geht auf das Blech zu, greift sich einen matschigen Beifußstängel mit Fleischspuren und Soßenresten und zieht ihn blitzschnell zwischen den Zähnen durch den Mund. Ilses Mundwinkel füllen sich mit Beifuß-Körnerbrei.
Wir schauen sie stumm an. Meine Mutter verharrt regelrecht mit ihrem Spüllappen in einer versteinerten Haltung, die Mädchen lächeln schräg.

Ilse hält inne, legt den abgelutschten Beifußzweig zurück auf den Abfallteller und meint: Man darf doch nichts umkommen lassen!
© gh/01/2009

Donnerstag, 8. Oktober 2009

sensation in stockholm


herta müller erhält den literaturnobelpreis

Die Schwedische Akademie in Stockholm bleibt auch unter neuer Führung unberechenbar: Den Literaturnobelpreis des Jahres 2009 erhält die Berliner Autorin Herta Müller, nur zehn Jahre nach Günter Grass. Die Jury würdigte ihre „Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa“, mit der sie „Landschaften der Heimatlosigkeit“ schaffe.
In ihrem neuen Roman, „Atemschaukel“, der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, beschreibt Herta Müller die finstere Zeit der Diktatur in ihrem Geburtsland Rumänien. Im F.A.Z.-Gespräch erklärt sie, welche Bedeutung das Thema für ihr Werk und ihre Biographie besitzt.
Quelle: faz

Samstag, 12. September 2009

manchmal ist der tag bewölkt


A Day. So blue.
Ein Tag. So blau.


An einem Tag im Januar. Kalt und blau.
Ganz still ist es im Raum, auch im Flur. Blau und dämmrig. Was ich höre, ist das leise Brummen des Maschinenmotors.
Ich hole meinen Blick vom Fenster zurück, verlasse das blaue Neblige davor und wende mich meinen Händen zu.
Griffig ist der Stoff, auf denen sie liegen – und anschmiegsam. Gut würde die Nadel einstechen können, keine Fäden ziehen.
Die Decke nimmt Form an. Aus vielen Vierecken. Quadrat an Quadrat. Aneinandergeheftet. Ich atme aus und konzentriere mich auf meine Hände, auf die Finger. Sie fassen fest die beiden Stoffbahnen und schieben sie unter das silberne Füßchen.
Mein Fuß tritt sacht auf das Pedal und schon sticht die Nadel mit dem Faden vorsichtig durch das Gewebe, verbindet beide Bahnen und stößt diese – nun zusammengefügt für lange Zeit – hinter sich aus.
Ich nehme den Fuß vom Pedal. Der Motor schweigt, erneut siegt die Stille im Raum. Ich schaue auf die Uhr. Nachmittag.
Der Raum hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Weiße Wand, dunkles Parkett, ein breites Sofa, ein hölzerner Tisch, darauf die Nähmaschine, ein Stuhl und ein Bild an der Wand – nichts weiter füllt das Zimmer.
Oh doch! Ich habe das Regal vergessen. Ein Regal über eine ganze Wand, Fach an Fach, Schublade neben Schulblade – Berge von Stoffen, Accessoires. Ideen schaffen sich Platz in Mappen und Ordnern.

Die Stille tut mir gut. Ich lasse die Näharbeit liegen und erhebe mich, laufe in den Flur. Lang ist er, sicher vier bis fünf Meter. Genau habe ich es noch nicht gemessen. Ein Kalender hängt an der Wand. Einer mit Texten aus der Bibel, dem Alten Testament. Berührend gestaltet. Und heute nun dieser Text.
Das Lob der tüchtigen Hausfrau.

In mir brennt Wut wie Feuer.
Die Wut treibt mich in die Küche, ins Chaos.
Töpfe, Tassen, Besteck ... schmierig und schmutzig füllen sie die Spüle. Ich mag sie nicht, die Hausarbeit. Ich mag nicht immer tun, was ich tun soll ... ich sehne mich nach Zeit für mich. Ich rebelliere.
Aber da hängt das Bild. Ein Kind – mein Kind – malte es. Über brauner Erde eine gelbe Sonne, darunter Blumen und ein winkendes Strichmännchen. Ein Trost?
Ich lasse Wasser in die Spüle laufen, säubere knurrend die Teller, schrubbe Töpfe.
Nach einer Stunde ist alles in die Kästen geräumt, die Arbeitsflächen gesäubert, Müll sortiert und weggebracht.
Auf der Küchenbank prangt ein Kissen. Neu genäht. Aus vielerlei Blau. Und mit einer Stickerei – Lavendelblüten. Ich schaue und träume und rieche Blütenduft.

Nein. Nicht geträumt. Auf. Auf!
Ich gehe ins Bad. Hier liegen noch vom Mittag die hingeworfenen nassen Sachen der Kinder. Jetzt sind sie spielen – draußen im Schnee, in der Dämmerung. Sie werden kommen mit roten Wangen, mit kalten Händen, mit Hunger im Bauch. Und sie werden erzählen und Kakao trinken – und meine Küche wird leben.
Mein Herz wird warm.
Von dieser Wärme eingehüllt stopfe ich schnell die schmutzigen Sachen in die Waschmaschine, sortiere mehr dazu und stelle sie an. Ich schnuppere in die offene Waschmittelflasche. Hm ... herrlich! Auch hier ein Blütenrausch!
Ich greife noch zum Wischer und putze das Bad durch. Das ging schnell. Dazwischen kommt mir eine Idee ... Ich renne ins Nähzimmer. Schreibe sie auf. Ich freue mich, weil ich sie halten konnte und sie mir nicht entwischt ist. Ich werde viel Freude beim Umsetzen haben.

Nun öffne ich die Tür zum Kinderzimmer. Schuhe, Strumpfhosen, Pullis türmen sich. Saubere Wäsche räume ich ein. Schmutzige werfe ich in den Flur. Es ist nicht schwer, die Behälter im Badezimmer neu zu füllen. Ich habe die Betten noch nicht gemacht – nun tue ich es mit den Gedanken an die Kinder. Ich sortiere das Durcheinander auf ihren Schreibtischen – zaghaft. Alles hat seine Berechtigung, nichts werfe ich ungefragt weg. Da liegt ein rosa Buch. Mein Tagebuch steht oben drauf. Gedanken meines Kindes. Nein, ich erliege nicht der Versuchung ...
Ich gieße die Pflanzen, sauge noch durch und schon ist alles gut anzuschauen.
Das Wohnzimmer empfängt mich in seiner abgestaubten Schönheit. Ich knipse die kleine Stehlampe an. So dunkel ist es schon. Ein warmer Kreis gelben Lichtes breitet sich aus. Eine braune Ledercouch steht vor einer Wand, darüber ein Bild. In wohltuenden Farben. Bücherregale mit Wissen und Geschichten, Träume festgehalten auf Papier. Decken und Kissen in Sesseln, wollig und sahnefarben. Wie viele Abende, Stunden saß ich hier, allein, zu zweit, mit der Familie und mit Freunden – las, dachte, träumte.
Ich kann sie nicht zählen. Viele waren schön, andere traurig, manche machten Angst.
Da, auf dem Holztisch liegt ein Buch. Es trägt einen Schutzumschlag. Ich weiß, dass es die Bibel ist. Ein Buch, in das Gott seinen Plan schrieb. Seinen Plan mit den Menschen, damit ihr Leben gelingen kann.
Runde, glatte Steine liegen daneben. Mitbringsel. Einer ist wie ein Herz geformt. Er liegt dem Buch am nächsten. Ich lächle. Mein Herz ist mit dem Schreiber der Zeilen fest verankert. Wie oft hat er mir den Weg gewiesen.
Ein Lichtschein fällt vom Fenster herein, hakt sich am gläsernen Kerzenständer fest. Er zerbricht an den kugeligen Glasschnüren und verströmt bunte Farben. Der Lichtstrahl trifft mein Herz. In seinem Sterben schenkt er glänzende Schönheit.
In Gedanken sehe ich ein anderes Bild – Kreuzesbalken. Daran vollzog sich ein Sterben, das Leben schenkte.
Später öffne ich die Tür am Kaminofen und mache ein Feuer. Das Kiefernholz knistert und knackt und verströmt seinen unverwechselbaren Duft in den Raum.
Mein Mann wird sich freuen.

Mir kommt in den Sinn, dass ich noch nicht den Briefkasten unten im Haus geleert habe. Ich greife zum Schlüssel, schlüpfe in die Schuhe und laufe zum Kasten. Eine ganze Menge Inhalt fällt mir in die Hand.
In der Küche sortiere ich Werbeprospekte, amtliche und private Post. Heute ist der Haufen private Post ein bunter. Ich staune. Ich habe viele Bekannte durch eine Website im Internet kennengelernt. Es sind Frauen, die Jesus lieb haben. Es ist eine gute Gewohnheit geworden, mich mit diesen Frauen aus aller Welt auszutauschen. Und ganz oft bekomme ich Post von ihnen. So auch heute. Sie haben lustige Nicknamen, verzieren ihre Briefumschläge mit schönen Aufklebern und tiefsinnigen Worten. Oft sind besondere Karten mit schönen Sprüchen beigelegt. Manchmal fällt mir ein Teebeutel oder ein kleiner Schokoriegel aus dem Umschlag entgegen. Ein Gruß, der mein Herz froh schlagen lässt.
Ich setze mich an den Tisch und lese unter der Küchenlampe die an mich gerichteten Worte. Trost empfange ich. Gleichgesinntes. Mutmachendes.
Ich räume die Post beiseite.
Aus dem Kasten im Schrank hole ich die mit Sternen übersäte Leinendecke und lege sie auf den Tisch. Heute ist ein Sternentag, wird mir klar. Ich suche schönes Geschirr heraus und decke den Tisch.
Dann bereite ich einen Auflauf zu, putze einen Salat, rühre Dressing an.
Ich freue mich. Bald kommen die Kinder, kommt mein Mann.
Und ich darf es ihnen schön machen.

Als alles bereit ist für ihr Kommen, gehe ich hinaus in den dämmrigen Flur und weiter in mein Nähzimmer.
Mein Blick streifte den Spruch am Kalender. Ich freue mich. Vor meinen Augen sehe ich schemenhaft die Frau, die vor ihrem Zelt – an einem Feuer – hockt und Decken macht, wie es in den Zeilen des Textes in der Bibel beschrieben wird. Ich lerne viel von meinem Gott. Wie wohl fühle ich mich jetzt. Das Aufräumen hat nicht lange gedauert und im Grunde war es keine Mühe. Jeden Tag ein Stück. Dann wird ein Ganzes daraus.
Ich tilge die Wut aus meinem Gedächtnis.

Ich stehe vor dem Fenster.
So blau ist alles. Das Neblige hat sich davongeschlichen. Lichter flammen auf. Sacht beginnt es zu schneien. In mein Herz ist ein großes Geschenk gefallen.

Bibel – AT – Sprüche 31
© by gh

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