Montag, 4. Januar 2010

HANNA

Foto aus: Weihnachten feiern (Bianka Bleier)

Weihnachten ist noch nicht zu Ende. Das offizielle "Schlussdatum" ist der 2. Februar. Darum, denke ich, ist die etwas andere Weihnachtsgeschichte noch passend ... oder?



Hanna



Hanna hatte einen Traum.
Sie hatte den Traum, den alle ängstlichen und geplagten Geschöpfe haben.
Sie träumte, von der Angst und der Plage befreit zu werden, die das Leben so schwer und unfrei machten.
Der Traum, den sie träumte, trug etwas Besonderes in sich. Sie wusste, dass dieser Traum einer Prophezeiung gleich kam.
Und sie wusste, dass Gott ihr diesen Traum gesandt hatte.


Noch einmal beugte sie sich mühsam ihren Füßen entgegen und schloss das Riemchen der zweiten Sandale.
Ihr schmerzte der Rücken.
Hanna zählte vierundachtzig Jahre. Die Gesundheit war aufgebraucht durch die Last und Mühsal der gelebten Zeit.
Sie nahm den Leinenbeutel, der ein wenig Brot und einen Rest an Schafskäse enthielt, und machte sich wie jeden Morgen in den nun rund sechzig Jahren auf den Weg zum Tempel.
Die Luft in der dämmrigen Frühe war frisch und kühl, ließ ihren Kopf klar werden und wusch den Rest des kurzen Schlafes aus ihren Augen.
Niemand begegnete ihr in den leeren und ruhigen Gassen Jerusalems.
Nur aus den Ställen, die rechts und links am Wege lagen, vernahm sie vertraute Laute – das leise Meckern eines Zickleins, das Bellen eines träumenden Hundes oder das dumpfe Grummeln der dicken Wollschafe.


Ihr kam wieder in den Sinn, wie kurz die Zeit an der Seite des geliebten Ehemannes, wie voller Hoffnung der Beginn ihres gemeinsamen Lebens gewesen war.
Sie hatten einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. Bald schon konnte sie die Wolle ihrer Schafherde auf dem Markt verkaufen, und ihr Mann lobte stets den Käse, den sie sorgfältig herstellte.
Nur sieben gemeinsame Jahre waren ihnen vergönnt gewesen. Sieben Jahre lang lag sie nachts neben ihren Mann, von dem sie keine Nachkommen hatte.
Sie war so jung schon Witwe geworden, und niemand war da, der für sie in Notzeiten sorgte. Lag sie krank danieder, war Hanna auf Almosen angewiesen.
Wie froh war sie in solchen Situationen über die liebevolle Fürsorge ihrer Nachbarin, die sie dann mit einer Schale nahrhafter Suppe und Brot versorgte.


Dankbar erkannte Hanna, wie ihr Gott, dem sie all ihr Vertrauen geschenkt hatte, sie durch bittere Zeiten hindurch trug.
Immer öfter ging sie hinauf in den Tempel der Stadt.
Um Gott zu dienen, fastete und betete sie. Dieses Tun wurde ihr so zum Bedürfnis, dass sie oftmals nicht bemerkte, wie die Tage in Nächte übergingen.


Beglückt lächelte sie in die Bläue des Morgens, als sie sich daran erinnerte, wie ihr Handeln belohnt wurde: Sie durfte wissen, dass es einen Trost geben würde – für sie selbst und für ihr jüdisches Volk.
Und so lief sie auch heute wieder voller Zuversicht zum Tempel auf den Berg.
In Gedanken sah sie die vielen Öllämpchen an den Tempelmauern, die einen heimeligen Lichtschein verbreiteten.
Viele Stunden würde Hanna vor Gott in Anbetung verharren.
Sie kannte nichts schöneres, als all ihre Gedanken in die Richtung zu schicken, aus der ihr Kraft und Freude erwuchsen, und aus der die Erlösung von ihrer Schuld kam, mit der jeder Mensch geboren wurde.


Hanna hatte am Tempel den Hof der Heiden erreicht, durchquerte diesen und lief hinauf über die ungleichen Stufen in den Vorhof, der für die Frauen bestimmt war.
Ihre Schritte waren hastig und beinahe wäre sie über eine steinerne Schwelle gestolpert.
Noch rechtzeitig stützte sich Hanna an der rauen Steinmauer ab.
Was war nur heute Morgen los mit ihr?
Schon beim Erwachen in der frühen Stunde hatte ihr Herz ungewohnt rasch geklopft.
Während sie so in ihre Gedanken versunken dastand, wurde sie urplötzlich von der aufgehenden Sonne getroffen, die ihre Strahlen über den Rand der Mauer schickte.
Ihre Seele wurde leicht und froh.
Eifrig setzte sich Hanna wieder in Bewegung und suchte sich, angekommen auf dem geräumigen Platz der Beterinnen, eine stille Ecke zur Andacht.


In ihre Gebete vertieft, achtete Hanna nicht auf die Stimmen von der hinzugekommenen kleinen Gruppe Menschen.
Sie wurde erst aufmerksam, als sie tiefe markante Männerlaute wahrnahm.
Das ist doch Simeons Stimme, dachte Hanna. Was macht er heute hier? Es ist nicht sein Tag. Und seine Stimme klingt so aufgeregt ... was hat er denn?
Hanna erhob sich schwerfällig von ihren Knien. Mit kreisenden Bewegungen versuchte sie, die Schmerzen aus ihnen zu verjagen. Keuchend richtete sie sich auf und wandte sich um.
Ihr Herz tat einen Hüpfer und begann wieder stark zu klopfen.


Behutsam lenkte sie ihre Schritte in die Richtung der angekommenen Leute.
Ihr Blick fiel auf Simeon mit seinem weißen Haupt- und Barthaar, das die einfallenden Sonnenstrahlen zum Leuchten brachten. Der gerechte und gottesfürchtige Simeon, der wie sie auf den Trost Israels wartete!
Aber – was trug er denn da? Und was sprach er zu dem Mann und zu dieser jungen Frau, die wie gebannt an seinen Lippen hingen?


Simeon hatte sein Haupt erhoben und blickte in den Himmel. Seine Lippen bebten ein wenig und seine Wangen hatten sich gerötet. Sicher zitterten auch seine Hände, aber das konnte Hanna nicht erkennen, weil er ein kleines Kind auf den Armen trug.
Nun senkte der Mann sein Antlitz dem Kind entgegen und er erhob seine Stimme aufs neue, sodass Hanna deutlich hören konnte was er sagte:
„Herr, jetzt kann ich in Frieden sterben. Denn ich habe den Befreier gesehen, den du der ganzen Welt gegeben hast. Er ist das Licht für alle Völker, und er wird der Ruhm für dein Volk Israel sein.“


Der Mann und die junge Frau sahen sich verwundert an.
Mit einer unendlich zärtlichen Geste gab der weise Mann dem Paar das Kind zurück. Simeon legte seine großen Hände auf deren Köpfe und segnete sie.
Der jungen Mutter aber sagte er:
„An diesem Kind wird sich das Leben vieler Menschen in Israel entscheiden; denn es wird entweder ihr Richter oder ihr Retter sein. Viele werden sich ihm leidenschaftlich widersetzen und dadurch zeigen, dass sie gegen Gott sind.“
Wieder nahm er seine Hände und legte sie in einer schützenden Gebärde um die Wangen des Weibes. Im bitteren Wissen senkte er seine Stimme:
„Der Schmerz darüber wird dir wie ein Schwert durchs Herz dringen.“


Hanna bebte am ganzen Körper.
Eilends lief sie nun auf die kleine Menschenansammlung zu.
Sie umarmte die junge Frau und ihre steifen Finger glitten behutsam über das kleine, warme Gesichtchen des schlafenden Kindes
Ihr Herz wollte schier bersten vor Freude und Dankbarkeit!
Laut lobte sie Gott!


Sie – nur eine arme Witwe, eine Frau aus dem Stamme Asser, die einen Traum hatte, durfte erleben, wie dieser Traum erfüllt wurde.
Der Messias war geboren!


Lukasevangelium Kapitel 2, Verse 29–32, 34+35 - Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“
© gh/2006 (überarbeitet 2010)