Dienstag, 10. November 2009

Das Cenacolo


Da Vincis Cenacolo
oder
Das fehlende Kreuz



Mit Speichel benetzte ich das Ende des Fadens, der mir in der Farbe einer rosa Hortensie entgegen leuchtete, zog es durch das Öhr der Nadel und stickte das vorletzte Kreuz im Umhang des Johannes.
Das Abendmahl. Von da Vinci.
Mein innig geliebtes Motiv!
Wieder hob ich die Nadel, um das letzte Kreuz auf das Leinen zu sticken.
Traurigkeit erfüllte mein Gemüt.
Noch einmal konzentrierte ich mich und stach die Nadel durch den Stoff, tauchte ein in das Gewirr von sich kreuzenden Fäden ...



... und spuckte aus.
Schlamm füllte meinen Mund, presste sich gegen meine Wange, glitschte zwischen meinen Fingern hindurch und nahm mir die Sicht.
Hustend richtete ich mich auf.
Ich rieb mir die Augen: Neben mir ragten schiefe Fachwerkhäuser empor. Obwohl ich mitten auf dem Weg lag, hätte ich mich zu beiden Seiten anlehnen können, so eng war die Gasse.
Mit den rauen Ärmeln meines Kittels wischte ich mir die Mischung aus Erde und Fäkalien von der Zunge, die meinen Magen gegen das Zwerchfell presste.
Ich erhob mich.


Aus einem der schiefen Katen stürzte ein Mann und fluchte einem Jungen mit erhobenen Armen hinterher.
Zornesrot blieb er stehen.
Als er mich erblickte, hob er von neuem an zu brüllen:
„Steh nicht so faul rum, komm her und hilf!“
Ich zuckte zusammen.
„Na wird’s bald, Weib?“
Meine Hände verkrampften sich ineinander.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, bog sich mein Körper nach hinten. Langsam setzte ich einen Fuß rückwärts.
„Bist wohl eine von den Feinen!“ Während er das sagte, kam er mir näher und schielte auf meine Hand, zwischen deren Fingern ich meine goldene Sticknadel hielt.
Der Mann fasste mich derb am Arm.
„Meine Alte! Sie hat die Scheißerei!" Spucketropfen befeuchteten mein Ohr und machten, dass mir Gänsehaut über den Rücken lief.
Die fetten Finger drückten mich an der schief ihren Angeln hängende Tür vorbei in die Kate.
Kotgestank drang in meine Nase und ließ mich würgen.
Im diffusen Licht bewegte sich stöhnend eine Gestalt auf einem Bettgestell.
"Hilf ihr und setz sie auf den Pott! Und wehe, du lässt sie fallen wie der Bursche!“
Noch ehe ich etwas erwidern konnte, stoppte ein Geräuschensemble vor der Hütte das Gebrüll des Mannes.
Rädergerassel und quietschende Bremsen ließen den Gesichtsausdruck des Keifenden verändern und aus seinem Haus huschen. Draußen durchwatete er das kurze Stück bis zum Ende der schlammigen Gasse und kratzfußte vor dem aus einer Kutsche steigendem Herrn.


Wie von selbst bewegten sich meine Beine. Ich hielt mich eng hinter dem buckelnden Mann, um einen Moment abzupassen, in dem ich fliehen konnte.
„Meister Ludovico, was schreit Er so? Man hört Ihn in der Gasse! Seid Ihr ein altes Marktweib geworden?“
Der Herr aus der Kutsche stand mit dem Rücken zur Sonne, die mich blendete, sodass ich nur den Umriss einer hageren Gestalt ausmachen konnte.
Devot wehrte der Angesprochene die Unterstellung ab.
"Gnädiger Herr, mein Weib ... ich benötige Hilfe ... da ist ein unfolgsames ...". Abrupt hielt der sich Duckende inne, als sein Gestikulieren einen seiner Arme in meinen Bauch schlagen ließ. Wir drehten uns im Kreis, und angstvoll trat ich hinter ihm hervor.


Ich stand wie versteinert auf meinem Platz, als der Herr aus der Kutsche seinen Blick auf mich richtete. Ernst musterten mich tiefliegende Augen unter buschigen Brauen. Dabei strichen seine Finger bedächtig über seinen Bart, fuhren an den dicken Augenbrauen entlang.
Die herabgesunkenen Mundwinkel hoben sich und ein Leuchten trat in seine Augen.
„Ich wusste, dass Ihr kommt, gnädiges Fräulein. Mir ward ein Traum zuteil, in dem man mir Euer Erscheinen ansagte.“
Nun reckte er sich, breitete seine Arme aus und fragte augenzwinkernd:
„Hat man Euch der guten Kleider beraubt? Seid versichert, ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihr standesgemäß ausstaffieret werdet."
Der Herr, der schon ein Greis war, reichte mir seine Hand. "Nun vertrauet mir und begleitet mich!“
Er raffte sein Gewand und stieg umständlich in die Kutsche. Auf sein Geheiß hin nahm ich neben ihn auf dem Ledersitz Platz.


Der Kutscher trieb die Pferde geschwind von der schäbigen Gasse fort.
Hochgewachsene Platanen säumten eine Allee und verströmten ihren Blütenduft.

Während ich durch das Geholpere der Kutsche immer näher an den Alten gerüttelt wurde, meinte ich in der Ferne ein mir bekanntes hohes Bauwerk zu erkennen.
Denk nach! befahl ich mir.
Diese roten Steine, diese runden Öffnungen über dem imposanten Portal!
Der blaue Himmel über allem! Du kennst das doch! feuerte ich mich an.
Und mit einem Schlag wusste ich es – dieser große gewaltige Turmaufbau, diese unzähligen Bogenfenster konnten nur zu einem Gebäude gehören!
Begeistert stellte ich fest, dass wir auf Santa Maria della Grazie zufuhren. Ich konnte es nicht fassen!


Als der alte Mann mir aus dem Wagen half, bauschte sich sein langes Gewand hell und von feinster Qualität um seine magere Gestalt.
„Ähm, hallo Sie!“ Vor lauter Aufregung kratzte meine Stimme.
„Entschuldigung, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
Verwundert über die seltsame Anrede schaute der Mann mich an und nickte.
„Bin ich in ... Mailand?“
„Warum nicht?“ Ein geheimnisvolles Schmunzeln ließ sein Antlitz freundlich wirken.
„...Aber wie..., aber...es ist so...anders...alles!“
„Wie sollte es denn sein?“ Jetzt begann der Greis zu kichern.
„In welchem Jahr leben Sie hier?“, brach es aus mir heraus.
„Gut. Ich nehme nicht an, dass Ihr Spott mit mir treibet. Ich will wahrheitsgemäß auf Eure mir befremdliche Frage antworten."
Sein Kichern verebbte.
"Wir schreiben das Jahr Anno Domini 1518.“
Mir fiel die Kinnlade herunter.


Ein madonnenhaftes Mädchen öffnete das Portal der Kirche.
Freudig begrüßte sie den Alten. Beide wechselten ein paar Worte, die ich nicht verstand. Der Alte drückte seine Hand in meinen Rücken und schob mich durch den Eingang.
Ich stand in der Kirche Santa Maria della Grazie!
Meine Sinne wurden von der Ausmalung der hohen Räume gefesselt, wurden hierhin und dahin geleitet, bewegten mein Herz und ließen meinen Mund offen stehen vor Staunen.
Erst als mein nackter Arm berührt wurde und eine Stimme mir etwas zuflüsterte, kam ich allmählich wieder zu mir - zurück in eine Gegenwart, die nichts mit dem realen Dasein gemein hatte, in dem ich sonst zu Hause war.
Langsam formte sich die Stimme in meinem Ohr zu Worte.
"Gnädiges Fräulein, auf Geheiß meines Oheims bringe ich Euch neue Kleidung. Seht, hier gibt es eine Kammer, in der Ihr Euch umkleiden könnt."
Damit drängte mich vorsichtig das Madonnen-Mädchen in die Richtung einer schmalen Pforte.


Nach weniger als zehn Minuten betrat ich erneut das Kirchenschiff, bekleidet mit einem scharlachroten Gewand unter einem grünen Samtmieder.
Oberhalb meiner linken Brust steckte darin meine Sticknadel mit ihrem Rest rosa Fadens.
Der alte Mann, der sein Haupt mit einer weißen, langbändigen Haube bedeckt hatte, winkte mir zu.
Nebeneinander schreitend hörten wir auf den Widerhall unserer Schritte, der von Wänden und Decken des Dominikanergebäudes zurückgeworfen wurde.
Vor einem Holzgerüst legte der Greis seine Hand auf meine Schulter und zwang mich, stehenzubleiben.
Er umfasste mit beiden Händen eine Holzstrebe und zog das Gerüst beiseite, so dass ich erkennen konnte, was sich dahinter befand.


Konnte ich meinen Augen trauen?!
An einer Tafel sah ich dreizehn sich miteinander unterhaltende Personen sitzen. Eine Person saß mit geneigtem Kopf in sich gekehrt und doch aufmerksam zuhörend inmitten der Gruppe.
Das Bildnis hatte in etwa die Größe von fünf mal neun Meter und war direkt auf die Wand aufgebracht worden.


Mir wurde schlecht.
Ich presse meine Lippen zusammen. Öffnete sie wieder. Schluckte.
„Das ist“, hörte ich mich heißern flüstern, „das ist ja das Cenacolo. Das Abendmahl!“
Fassungslos starrte ich nun den Mann neben mir an.
„Sind Sie etwa ...?“, ich konnte den Gedanken nicht zu ende denken.
Und noch einmal: „Sind Sie – Leonardo da Vinci?“
„Wusstet Ihr dies nicht?“ Verwundert schaute mich der große Meister an.
„Aber nein ... und doch ... Sie kamen mir bekannt vor. Nur war mir nicht bewusst, weshalb.... Aber – was tue ich hier?“
Das Gesicht des genialen Mannes überzog ein Schatten.
„Es ist nicht vollendet. Das Cenacolo ist nicht vollendet!", rief er beschwörend aus. Er drehte sich um sich selbst, so dass sich sein Gewand bauschte und blähte, schmiss die Arme in die Luft ...
"Die Mixtur der Farbe – ich kenne sie nicht mehr. Die Aufzeichnungen - dahin - gestohlen, verloren - ich weiß es nicht...." Stöhnend stieß er die Wortfetzen in die Kühle des Raumes.
"Nun", tief atmend versuchte der Maler sich zu beruhigen, "in meiner seelischen Not geschah mir Hilfe. Eines Nachts sah ich im Traum Euch sitzen und arbeiten und Ihr hattet einen Faden ...“
„He, Meister!", unterbrach ich ihn aufgeregt. "Sorry, aber nun weiß ich, was zu tun ist!“
Er zog zwar die Augenbrauen in die Höhe ob der Ungewöhnlichkeit meiner Wortwahl, ignorierte sie aber und erwiderte:
„Ja? Seid Ihr Euch sicher?“
„O ja. Ganz sicher!“


Der dunkle Schatten über dem Gesicht da Vincis verflog und ein erlöstes Lächeln bemächtigte sich seiner. Zitternd fragte er:
„Dann bleibt es für die Ewigkeit erhalten?“
Ich konnte nur nickten.


In meinen Ohren begann es zu rauschen.
Wie nicht ganz bei mir zog ich die goldene Nadel aus meinem Mieder und stach sie in die kleine freie Fläche im Mantel des Jüngers.
Fäden kreuzten sich, Mörtel rieselte, eine sich verabschiedende Stimme verhallte ...


... mein Kopf schmerzte, als ich erwachte.
In meinem Schoß lag ein Leinentuch, besprenkelt mit hellen Blutstropfen.


gh/06