Leise leise leise schwappen die Wellen
locken schmecken saugen
an der blassen Hand
am bloßen Arm
ziehen und zerren
an der weißen Hemdbrust
Die Lider – papierdünn und geschlossen –
umrahmt vom Kranz
– einem Totengeschenk gleich? –
geschwungener Wimpern
der Kopf geneigt
die Locke nass verdeckt die hohe Stirn
mein Freund ...
***
Meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet.
Das Hohe Lied der Liebe 1, 6
***
Das Dorf lag in einer Senke nahe vor Kap Arkona auf der Insel Rügen. Möwen schaukelten auf den Wellen der See oder tauchten nach einer mitternächtlichen Mahlzeit.
Kommissar Hertel ärgerte sich nicht, dass er kurz vor dreiundzwanzig Uhr von der idiotischen Geburtstagsparty seines nun fünfundsechzigjährigen Chefs weggerufen wurde. Es war nicht nach seinem Geschmack, das Gummiband eines bunten Hütchens unter sein Kinn zu klemmen und beim Hoch soll er leben albern ein Fähnchen zu schwenken.
Er krachte die Wagentür ins Schloss und lief auf die großen Strahler zu, die einen abgesteckten Abschnitt des Strandes hinter dem Steinwall beleuchteten, und die das gleißende Mondlicht über diesem unbedeutend werden ließen. Zwei Männer in weißen Schutzanzügen bewegten sich innerhalb der rot-weißen Absperrung und untersuchten penibel das Areal.
Hertel schwitzte trotz der Nachtkälte. Das fette Essen lag ihm schwer im Magen. Das kalte Bier hätte er lieber sein lassen sollen. Er rülpste. Dann lockerte er seinen Schlips und öffnete den obersten Knopf des Hemdes.
Sein Blick fiel auf eine kleine, ältere Frau, die gebeugt abseits auf einem Stein saß und eine Spritze verabreicht bekam.
„Was ist mit der?“ wandte er sich an seine Kollegen.
„Sie hat die Leiche gefunden“, beeilte sich der junge Hellmann zu sagen. „Sie wimmert ständig einen Namen, einen Frauennamen – Emma – oder so.
„Was – oder so? Sagt sie nun Emma oder sagt sie nicht Emma? Hertels Stimme wurde scharf.
Hellmann atmete genervt durch. Wenn sein Chef schon so drauf war! „Ja, sie sagt Emma. Sicher.“
„Und was ist mit der Leiche?“ Am liebsten hätte Hertel noch hinzugefügt, ob man ihm alles einzeln aus der Nase ziehen müsste – dennoch war er auch ehrlich zu sich selbst, sodass ihm klar wurde, welchen Charme er diese Nacht versprühte. Keinen guten. Und dafür konnte sein junger Kollege nun wirklich nichts. Er hätte auf seinen Kopf hören sollen, der ihm verbot, dieses Essen seinem Magen zuzumuten.
„Aus seinen Papieren geht hervor, dass er dreiundfünfzig Jahre alt ist, wohnhaft in Stralsund. Was er hier gemacht hat, wie er hier her kam – ist noch unbekannt. Allerdings fanden wir in der Hand der Leiche ein Foto.“
„Ein Foto … ja … und weiter?“
„Ein Foto von einer Frau die hier am Ort wohnt.“ Jetzt drehte sich der junge Kollege um und zeigte den Hang hinauf. „Dort oben ist ihr Haus, gleich hinter den Stufen. Die Alte hat die Frau auf der Fotografie sofort erkannt.“
Hertel rülpste wieder. Er legte seine Hand auf den Magen, griff nach dem Bild und steckte es nach einem Blick darauf ein. Hellmann blieb an seiner Seite, als Hertel näher an die Absperrung trat.
Das Hemd des Toten bildete ein weißes Rechteck auf dem nassen Boden. Die schwarze Hose wurde von einem Gürtel gehalten, und die ebenfalls schwarzen Schuhe spiegelten das Licht der Scheinwerfer wider. Der Mann lag lang ausgestreckt, die Arme seitlich, einer davon ruhte leicht gebogen auf der Leiste. Hertel schaute in das Gesicht des Toten. Blass stand die Haut im scharfen Kontrast zum dunklen Haar. Die Wangen bildeten graue Mulden, und die Nase ragte spitz über den geschlossenen Mund hervor.
Der Anblick weckte in Hertel das Bedürfnis, die Hand schützend über dieses Gesicht zu legen - dieses Gesicht, das von zwei weichen Wimpernkränzen geschmückt wurde.
Ohne dass Hertel es wollte, drängte sich ihm
der Gedanke an Verletzung auf.
Kurz vor vier holte er den Bewohner des Hauses Nummer Sieben oben am Hang aus seinem Schlaf.
***
Halb sechs.
Das Dorf lag in seiner Senke unter einer silbernen Nebeldecke.
Es ist so normal, dass wir geboren werden und sterben - und wenn es dann zutrifft, treibt es uns nicht selten ins Abseits. Hertel wischte sich über die Stirn, fummelte eine zerdrückte Zigarette aus einer zerdrückten Packung. Nun ja, es war wohl noch etwas anderes, wenn ein Mensch außerhalb der privaten Natürlichkeit seinen Tod erlitt, sondern – wie hier anzunehmen – freiwillig aus dem Leben schwand.
Hertel hatte dem Bewohner des Hauses Nummer Sieben seine Fragen gestellt. Als er im Begriff war zu gehen, saß dieser bleich in seinem Sessel. Mit fiebrig glänzenden Augen starrte er den Kommissar an. Dem Kommissar fiel nichts ein, was er diesem Häufchen Elend zum Abschied hätte sagen können. Er würde nun in das Krankhaus nach Wieck fahren müssen und dort versuchen, diese Emma zu befragen, die auf dem Bild zu sehen war, das der Tote bei sich getragen hatte. Und der nicht der Ehemann der Abgebildeten war, sondern das war dieser bemitleidenswerte Mensch im Sessel, der geschockt versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Hertel war inzwischen von seinen Wiecker Kollegen über den Hergang der vergangenen Tage in diesem Fischerdorf instruiert worden.
Hellmann, der ihn begleitet hatte, machte Anstalten, etwas zu forcieren, in Bewegung zu setzen, damit der Mann aus seiner verzweifelten Erstarrung erwachte. Aber Hertel – der das Bemühen Hellmanns registrierte, fragte sich, was aktiviert werden sollte? Mehr Aktion gab es nicht, wenn er in das entsetze Gesicht des Mannes vor ihm schaute. So hob er die Hand und schnitt dem Kollegen das Wort ab, indem er dem Mann seine Visitenkarte mit der Bemerkung reichte, dass er ihn jederzeit anrufen könnte falls ihm noch etwas zu diesem - diesem ... Unglück ... einfallen würde.
Dann schob er Hellmann zur Tür. Er schickte den Kollegen schon vor zum Wagen. Hertel selber wollte sich noch einmal diesen merkwürdigen Schauplatz ansehen, an dem ein Mann – gut gekleidet mit dem Bild einer Frau in der Hand – tot im Sand gelegen hatte.
Hertel stolperte im sich lichtenden Nebel die Treppen zum Strand hinunter. Das Grau über dem Meer wurde hell – rosaorange – und bald würde das Wasser eine violette Tönung annehmen.
Als er an der Absperrung stand, sah er auf seine verdreckten Schuhe, spürte kalt sein durchgeschwitztes Hemd auf der Haut. Er schlug seinen Mantelkragen hoch und steckte seine Hände in die Taschen.
Mit hochgezogenen Schultern betrachtete er die leichte Einbuchtung einer Körperform im dunklen Sand.
Eine Möwe ließ sich darin nieder.
***
Endlich auf Rügen! Wo ich mich ins Meer gestürzt habe, kopfüber, um meine schwarzen Teufel zu ersäufen ...
Hier ist alles ruhig, das Meer, der Wald, die Männer und sogar die Frauen.
August Strindberg an Frieda Uhl, 26. Juni 1893
Hier ist alles ruhig, das Meer, der Wald, die Männer und sogar die Frauen.
August Strindberg an Frieda Uhl, 26. Juni 1893