Freitag, 11. Februar 2011

Mondnacht


Leise leise leise schwappen die Wellen
locken schmecken saugen
an der blassen Hand
am bloßen Arm
ziehen und zerren
an der weißen Hemdbrust
Die Lider – papierdünn und geschlossen –
umrahmt vom Kranz
einem Totengeschenk gleich?
geschwungener Wimpern
der Kopf geneigt
die Locke nass verdeckt die hohe Stirn
mein Freund ...
***
Meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet.

Das Hohe Lied der Liebe 1, 6

***

Das Dorf lag in einer Senke nahe vor Kap Arkona auf der Insel Rügen. Möwen schaukelten auf den Wellen der See oder tauchten nach einer mitternächtlichen Mahlzeit.
Kommissar Hertel ärgerte sich nicht, dass er kurz vor dreiundzwanzig Uhr von der idiotischen Geburtstagsparty seines nun fünfundsechzigjährigen Chefs weggerufen wurde. Es war nicht nach seinem Geschmack, das Gummiband eines bunten Hütchens unter sein Kinn zu klemmen und beim Hoch soll er leben albern ein Fähnchen zu schwenken.
Er krachte die Wagentür ins Schloss und lief auf die großen Strahler zu, die einen abgesteckten Abschnitt des Strandes hinter dem Steinwall beleuchteten, und die das gleißende Mondlicht über diesem unbedeutend werden ließen. Zwei Männer in weißen Schutzanzügen bewegten sich innerhalb der rot-weißen Absperrung und untersuchten penibel das Areal.
Hertel schwitzte trotz der Nachtkälte. Das fette Essen lag ihm schwer im Magen. Das kalte Bier hätte er lieber sein lassen sollen. Er rülpste. Dann lockerte er seinen Schlips und öffnete den obersten Knopf des Hemdes.
Sein Blick fiel auf eine kleine, ältere Frau, die gebeugt abseits auf einem Stein saß und eine Spritze verabreicht bekam.
„Was ist mit der?“ wandte er sich an seine Kollegen.
„Sie hat die Leiche gefunden“, beeilte sich der junge Hellmann zu sagen. „Sie wimmert ständig einen Namen, einen Frauennamen – Emma – oder so.
„Was – oder so? Sagt sie nun Emma oder sagt sie nicht Emma? Hertels Stimme wurde scharf.
Hellmann atmete genervt durch. Wenn sein Chef schon so drauf war! „Ja, sie sagt Emma. Sicher.“
„Und was ist mit der Leiche?“ Am liebsten hätte Hertel noch hinzugefügt, ob man ihm alles einzeln aus der Nase ziehen müsste – dennoch war er auch ehrlich zu sich selbst, sodass ihm klar wurde, welchen Charme er diese Nacht versprühte. Keinen guten. Und dafür konnte sein junger Kollege nun wirklich nichts. Er hätte auf seinen Kopf hören sollen, der ihm verbot, dieses Essen seinem Magen zuzumuten.
„Aus seinen Papieren geht hervor, dass er dreiundfünfzig Jahre alt ist, wohnhaft in Stralsund. Was er hier gemacht hat, wie er hier her kam – ist noch unbekannt. Allerdings fanden wir in der Hand der Leiche ein Foto.“
„Ein Foto … ja … und weiter?“
„Ein Foto von einer Frau die hier am Ort wohnt.“ Jetzt drehte sich der junge Kollege um und zeigte den Hang hinauf. „Dort oben ist ihr Haus, gleich hinter den Stufen. Die Alte hat die Frau auf der Fotografie sofort erkannt.“
Hertel rülpste wieder. Er legte seine Hand auf den Magen, griff nach dem Bild und steckte es nach einem Blick darauf ein. Hellmann blieb an seiner Seite, als Hertel näher an die Absperrung trat.
Das Hemd des Toten bildete ein weißes Rechteck auf dem nassen Boden. Die schwarze Hose wurde von einem Gürtel gehalten, und die ebenfalls schwarzen Schuhe spiegelten das Licht der Scheinwerfer wider. Der Mann lag lang ausgestreckt, die Arme seitlich, einer davon ruhte leicht gebogen auf der Leiste. Hertel schaute in das Gesicht des Toten. Blass stand die Haut im scharfen Kontrast zum dunklen Haar. Die Wangen bildeten graue Mulden, und die Nase ragte spitz über den geschlossenen Mund hervor.
Der Anblick weckte in Hertel das Bedürfnis, die Hand schützend über dieses Gesicht zu legen - dieses Gesicht, das von zwei weichen Wimpernkränzen geschmückt wurde.
Ohne dass Hertel es wollte, drängte sich ihm
der Gedanke an Verletzung auf.
Kurz vor vier holte er den Bewohner des Hauses Nummer Sieben oben am Hang aus seinem Schlaf.
***
Halb sechs.
Das Dorf lag in seiner Senke unter einer silbernen Nebeldecke.
Es ist so normal, dass wir geboren werden und sterben - und wenn es dann zutrifft, treibt es uns nicht selten ins Abseits. Hertel wischte sich über die Stirn, fummelte eine zerdrückte Zigarette aus einer zerdrückten Packung. Nun ja, es war wohl noch etwas anderes, wenn ein Mensch außerhalb der privaten Natürlichkeit seinen Tod erlitt, sondern – wie hier anzunehmen – freiwillig aus dem Leben schwand.
Hertel hatte dem Bewohner des Hauses Nummer Sieben seine Fragen gestellt. Als er im Begriff war zu gehen, saß dieser bleich in seinem Sessel. Mit fiebrig glänzenden Augen starrte er den Kommissar an. Dem Kommissar fiel nichts ein, was er diesem Häufchen Elend zum Abschied hätte sagen können. Er würde nun in das Krankhaus nach Wieck fahren müssen und dort versuchen, diese Emma zu befragen, die auf dem Bild zu sehen war, das der Tote bei sich getragen hatte. Und der nicht der Ehemann der Abgebildeten war, sondern das war dieser bemitleidenswerte Mensch im Sessel, der geschockt versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Hertel war inzwischen von seinen Wiecker Kollegen über den Hergang der vergangenen Tage in diesem Fischerdorf instruiert worden.
Hellmann, der ihn begleitet hatte, machte Anstalten, etwas zu forcieren, in Bewegung zu setzen, damit der Mann aus seiner verzweifelten Erstarrung erwachte. Aber Hertel – der das Bemühen Hellmanns registrierte, fragte sich, was aktiviert werden sollte? Mehr Aktion gab es nicht, wenn er in das entsetze Gesicht des Mannes vor ihm schaute. So hob er die Hand und schnitt dem Kollegen das Wort ab, indem er dem Mann seine Visitenkarte mit der Bemerkung reichte, dass er ihn jederzeit anrufen könnte falls ihm noch etwas zu diesem - diesem ... Unglück ... einfallen würde.
Dann schob er Hellmann zur Tür. Er schickte den Kollegen schon vor zum Wagen. Hertel selber wollte sich noch einmal diesen merkwürdigen Schauplatz ansehen, an dem ein Mann – gut gekleidet mit dem Bild einer Frau in der Hand – tot im Sand gelegen hatte.
Hertel stolperte im sich lichtenden Nebel die Treppen zum Strand hinunter. Das Grau über dem Meer wurde hell – rosaorange – und bald würde das Wasser eine violette Tönung annehmen.
Als er an der Absperrung stand, sah er auf seine verdreckten Schuhe, spürte kalt sein durchgeschwitztes Hemd auf der Haut. Er schlug seinen Mantelkragen hoch und steckte seine Hände in die Taschen.
Mit hochgezogenen Schultern betrachtete er die leichte Einbuchtung einer Körperform im dunklen Sand.
Eine Möwe ließ sich darin nieder.
***
Endlich auf Rügen! Wo ich mich ins Meer gestürzt habe, kopfüber, um meine schwarzen Teufel zu ersäufen ...
Hier ist alles ruhig, das Meer, der Wald, die Männer und sogar die Frauen.

August Strindberg an Frieda Uhl, 26. Juni 1893

Montag, 13. September 2010

Über Lilli

Mitten herausgerissen ist dieser Text aus einem großen.
Aber vielleicht macht es doch Spaß, diesen zu lesen. Ich glaube, er kann auch ganz gut allein stehen.

Über Lilli

Lilli verabschiedete sich, winkte und lief dann den kurzen Weg wieder zurück.
Eine Möwe saß vor der Tür. Sie hockte auf einem Bein, den Kopf unter dem Flügel und machte ein Nickerchen. Als Lilli näher trat, hob der Vogel seinen kleinen Schopf und starrte das Mädchen an. Die Möwe gähnte, schüttelte sich, tippelte ein wenig hin und her, schaute sich wieder um und flog davon.
Dummer Vogel, dachte Lilli. Könntest deine Zeit auch anders verbringen als hier zu schlafen. Sie lief ein wenig den Weg entlang. Der Nebel, obwohl er begann sich zu lichten, hielt die Leute ab an den Strand zu gehen.

Sie traf an der blauen Pumpe den Pfarrer und den Mechaniker und auch Emmas Mann, die eifrig diskutierten.
Aber die Männer hatten kein Auge für sie. Sie verschwanden in Richtung Pfarrhaus.

Lilli wusste, dass sie sich um Emma sorgten. Wie gut, dass es diese Männer gab, die sich Sorgen machten, denen es nicht gleichgültig ist, was mit Menschen geschah.
Lilli dachte an Gudrun. Wie gern sie dieser Frau half. Sie fühlte sich so aufgehoben, so wertgeschätzt in ihrer Nähe.
Sie war neben Emmas Haus stehen geblieben, an der Treppe, die hinunter zum Ufer führte.

Zugehörig.
Fiel ihr ein.
Das Wort schoss in ihr hoch wie eine Fontäne. Es war ein Wort, das wenig benutzt wurde. Jedenfalls nicht in den Kreisen ihrer Freunde. Da waren ganz andere Worte in, zum Beispiel cool, oder krass – eben die angesagte Jugendsprache.
Aber nicht zugehörig.
Das war ein Wort, über das man nachdenken musste.
Lilli fühlte sich so angesprochen von diesem Wort. Sie hatte es gedacht und benutzt. Es kam ihr nahe. Es bedeutete auch: einschließlich, verwandt, beigeordnet ... Merkwürdig, sie dachte solche Sachen?

Es faszinierte sie so, dass sie ganz still stehen blieb.
Dass sie den Nebel auf ihren Wangen spüren konnte, wie er kribbelte, wie ihre Wimpern ganz feucht waren, wie kühl die Luft war, wie ihr Herz klopfte - weil das Wort ja nicht nur unter anderem, sondern ganz besonders bedeutete, dass sie Anschluss hatte an jemanden, an Menschen – an ihre Familie.

Zugehörig.
Sie war zugehörig ihrer Familie.
Sie hatte Menschen, die sich um sie sorgten – wie die Menschen, die sich um Emma sorgten.
Wie allein Gudrun nun war. Allein in ihrem Wohnzimmer, in ihrem Sessel, allein mit ihren Gedanken.
Sie aber, Lilli, war zugehörig ihrer Familie.
Und bald, ja bald würde sie einen Bruder haben.
Freude quoll in ihr empor.
Freude, dass es so kommen würde. Bald nach Weihnachten, im Frühling wird sie einen Wagen schieben können, schaukeln und wippen – den Bruder, Brüderchen ...
Lilli jauchzte und hielt sich gleich darauf die Hand vor den Mund, schaute, ob sie jemand gesehen, gehört hatte.
Niemand. Keiner da, vor dem sie sich hätte lächerlich machen können.
Nun wollte sie unbedingt heim. Zu ihrer Mutter, ihr endlich ein Lächeln schenken. Verlegen würde sie sein, aber das machte ihr nichts. Mama sollte wissen, das alles gut war.

Im Haus war es still. Lilli traf niemanden an. Ihr Vater war zur Garage gegangen, oben an der Kapelle.
Lilli schaute in das Schlafzimmer ihrer Eltern, ob sich ihre Mama vielleicht ein wenig hingelegt hatte.
Aber das breite Bett war leer.
Noch nie hatte sie das Zimmer ihrer Eltern betrachtet. Noch nie hatte sie das gemacht, so nach den Sachen ihrer Eltern geschaut. Sie kam sich merkwürdig vor, wie eine Einbrecherin. Ich schaue mich nur um, dachte sie.
Das sind meine Eltern. Ich will wissen, wie sie leben. Wie sie leben ... wie ihre Mama lebte.

Über dem Bett lag eine schöne, helle Decke.
Auf dem Bett lag ein Schal. Lilli faste ihn an, hielt ihn vor ihr Gesicht, roch vorsichtig daran. Nur ein bisschen, dachte sie. Ich nehme nichts weg. Nur ein bisschen ... den zarten Duft nach Wind und Salz einatmen.
Sie legte den Schal zurück, strich sanft darüber.
Zugehörig. Bin ich.

Sie ging durch das Zimmer.
Blieb stehen.
Berührte die Dose mit der Creme.
Die Flasche mit dem Nasenspray.
Mamas Haarbürste.
Sie sah einzelne feine Härchen darin.
Über dem geschwungenen Stuhl hing ein dünnes Jäckchen, ein Rock.
Auf dem Bord über dem Bett stapelten sich Bücher. Sie hatte nicht geahnt, dass ihre Mama so viel las. Und so feine Bücher. Sie erkannte sie – es waren die von Gudrun dabei.
Sie sah Fotoalben im Regal. Lilli zog eines heraus und klappte es auf. Ihre Familie. Mama mit ihr als Baby, als kleines Mädchen, als großes Mädchen ... Meine Mama. Sie hat mich lieb, dachte Lilli. Sie hat mir das Schwimmen beigebracht, das Kuchenbacken ... Und nun wird sie mir einen Bruder schenken.


copy by gh

Mittwoch, 8. September 2010

Turbulenz im Badezimmer

Quelle


„Na, ausgepennt?“, sprach die Zahnpastatube und begann ihren Verschluss in einem Wahnsinnstempo aufzudrehen, sodass er durchs Badezimmer flog.
Erschrocken trat ich einen Schritt zurück und riss die Arme hoch, wobei mir meine rosa Zahnbürste aus der Hand glitt.

„Muss das sein?! Meine Borsten gehen bei so einer Behandlung flötend, ist dir das klar?“
Die Stimme der Bürste klang zerknirscht und vorwurfsvoll.

Hä, dachte ich nur, bin ich im falschen Film? Mir blieb der Mund offen stehen.
Ich blickte von der Bürste am Boden auf das Waschbecken und registrierte die Bewegung der Tube, als diese sich krümmte und der rosa Zahnbürste nach hüpfte. Dabei kleckerte gestreifte Paste aus der Öffnung.

„Du dumme Tube, kannst du nicht aufpassen?! Du beschmierst mich mit deinem schrecklichen Brei! Igitt, so was billiges!“ Die Zahnbürste drehte sich im Kreis, immer schneller wurden ihre Bewegungen und mit einem Satz landete sie auf dem Beckenrand.
„He, dreh‘ den Wasserhahn auf und spül mich ab! Bin total voll von dieser belämmerten Billigpaste!

„Von wegen Billigpaste! Halt bloß deine vorlaute Klappe! Was bist‘n du schon für ne‘ Marke? Dr. Best bestimmt nicht!“

Mittlerweile glaubte ich, dass ich an etwas Schlimmen erkrankt sein muss. Mein Kopf schien von Bakterien befallen zu sein, oder ich hatte einen tödlichen Virus in mir ...
Wieso sprachen meine Zahnbürste und meine Zahnpasta?

„Sag mal, hast du was an den Ohren? Du sollst mich a-b-w-a-s-c-h-e-n, verstanden?“
„Meinst du mich?“ fragte ich zaghaft die im Becken liegende Bürste, wobei ich mir total bescheuert vorkam.

„Siehst du noch so ein Menschenmonster? Nur Menschenmonster können so blöd daher kommen und nichts begreifen. Also dalli, sonst geht’s dir mies!“

„Bürste, mach mal sachte,“ schaltete sich nun Tube ein.
Diese machte eine 180° Drehung auf dem Fußboden, richtete ihre offene Metalldüse auf mich und begann zu glucksen. „Mal herhören, Menschenmonster, wir sind die Chef’s, du bist der Untertan, damit das klar ist. Wenn du auf unsere Anordnung nicht parierst, bekommst du Minuspunkte!“ Tube zeigte auf einen Plan an der Innenseite der Badezimmertür.
„Jetzt ist Stunde Null und somit ist dein Punktestand 100%. Bei jeder Fehlleistung gehen dir Prozente verloren. Solltest du auf 0% rutschen, wirst du im niedrigsten Level leben!“
Ich konnte nur erstarrt fragen: „Und was ist der niedrigste Level?“
„Ha“, schaltete sich jetzt Bürste ein, „du wirst das Nichts vom Nichts sein!
Siehst du den Scheuerlappen dort? Der hat 50 %! Mal dir’s aus, wie weit‘s abwärts geht!“
Grölend kreiselte die Bürste um den Abfluss.
„Eh, ihr Blödmänner!“, meldete sich jetzt mein neuer blauer Kamm, „Erklärt ihr endlich den Fakt, damit sie ranklotzen kann! Ich will mein Vergnügen!“

„Genau“, ließ sich wieder die Bürste vernehmen, „mach hin, Tube, sag ihr’s Programm, los!“
„Immer langsam. Haltet endlich das Maul, ihr Dämlacke!“

Ich rutschte sachte auf den Wäschekorb nieder. Ich konnte nicht mehr. Ich wurde von Plastikdingern beschimpft, dirigiert, befehligt. Was sollte das?

„Also“, hub‘ Tube an zu sprechen, stütze sich dabei auf den Bodenfliesen ab und reckte die dunkle Öffnung in die Höhe, sodass ich in ihr Inneres schauen konnte. Dort wurden farbige Pastestreifen von klitzekleinen Männchen mit nur einem Bein zu einem dicken Strang gewickelt.

„Deine Aufgabe wird sein, unser Dasein so schön wie möglich zu gestalten. Natürlich sagen wir dir nicht, was du tun musst. Du musst schon selbst dahinter kommen. Wenn es dir nicht gelingt, das Rätsel zu lösen, dann bekommst du Minuspunkte und am Ende ... ja, das ist das große Geheimnis! Aber glaub mir: Es wird schrecklich sein! Also streng dich an, damit du ein Menschenmonster bleiben kannst!“

Ich kann nicht mehr, dachte ich. Was mache ich bloß? Das Beste wird sein, ich mach was die da sagen.
Zaghaft fragte ich: „Gebt ihr mir einen Tipp? Hab‘ so gar keine Ahnung ...“
Als hätte ich einen Witz gerissen, fingen die Drei hässlich an zu prusten und zu schreien.
„Wir einen Tipp geben! – soweit kommt‘s noch!“

Die Bürste im Becken spuckte eine Ladung zähen Schleimes in den Abfluss.
Da fiel mir ein, dass ich diese Bürste reinigen sollte. Ich machte einen Schritt auf
das Becken zu, drehte den Hahn vorsichtig auf und nahm zaghaft meine rosa Bürste in die Hand.
Behutsam ließ ich warmes Wasser über Kopf und Stiel laufen und rieb und säuberte sie achtsam und mit weichen Fingern.
Ich spürte plötzlich, dass mit diesem Ding eine Veränderung vor sich ging. Es schmiegte sich in meinen Handteller, wandte und drehte sich, schnurrte vor sich hin und begann langsam von innen her zu leuchten.
Ich drehte das Wasser ab, steckte die Bürste in die Halterung und blieb abwartend stehen.

„Bei mir wirst du es nicht so leicht haben“, quäkte Blaukamm von der Ablage. „Da musst du dir schon mehr Mühe geben!“
„Gib ihr keinen Hinweis, sei vorsichtig!“ warnte Tube, die immer mehr ihre Paste verlor und auf den Fußboden verschmierte.

Ich setzte mich wieder auf den Wäschekorb.
Über mir surrte es. Ich schaute nach oben und erblickte die Liste an der Zimmertür.
Die Zahl „100%“ hatte sich in eine Leuchtziffer verwandelt und während des Bürstenwaschens war sie sogar auf 110% gestiegen.
Nun aber, als ich mich auf den Korb gesetzt hatte, sah ich, wie sich die Zahl verringerte.
Nur noch 85%! Oh man, ging das schnell!
Mein Blick fiel auf Tube.
Was war denn da los? Eine riesige Lache schmieriger Masse hatte sich auf den hellgrünen Fliesen breit gemacht.
Ich schnappte mir – die Zahl war inzwischen auf 65% gefallen – einen Lappen und wischte in einem Affentempo den Mist zusammen.
Ich nahm Tube, die einen lauten Quieker ausstieß, drückte die davonrennenwollenden Männchen zurück, fand den Stöpsel und dreht diesen fest auf das Gewinde.

Puh, das war geschafft. Dennoch fielen die Punkte: 55%!
„Ha, jetzt bist du sprachlos!“ krähte Kamm schadenfroh.
Du kennst mich nicht, dachte ich ketzerisch.
Ich wusch auch Tube unter warmen Wasser sauber, glättete ihre Form und rollte den leeren Tubenteil fein säuberlich auf.
Ich ahnte es schon: Auch Tube fing nach dieser netten Behandlung an zu leuchten.

„Mich schaffst du nicht! Mit mir fährst du ab in den Hades!“ schrie Kamm.
Ich schaute an das Plakat: 80%. Gut.
Ich trank einen Schluck Wasser. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass die Zahl schon wieder sank: 75, 70, 60%...
Schnell stellte ich den benutzten Becher an seinen Ort, griff mir Kamm und entfernte alle Haare daraus. Kamm wehrte sich und sprang in die hinterste Ecke des Zimmers.
Ich sprang hinterher und – fing ihn auf.
Bald glitzerte er fröhlich nach Wäsche und sanfter Massage und lag summend auf der Ablage.
Puh – das wäre geschafft – 100%! Die Zahl blinkte wie toll an der Tür.

Die Türklinke wurde niedergedrückt und mir in den Rücken gestoßen.
Eine Stimme sagte:
„Na, Mami, haste wieder geträumt? Es ist Sieben, wir m-ü-s-s-e-n!“
„Von wegen wir müssen“, schnurrte ich mein blondes Söhnchen an, heute ist SONNTAG!
Sowas aber auch!
(Ich hätte dennoch gern gewusst, was ich im niedrigsten Level gewesen wäre ...).

copy by GH
Nachtrag: Dieses "Ammenmärchen" war einst vor Jahren die Aufgabe von fw - einer Schreibswerkstatt. Ich fand sie wieder ... und stellte sie unverändert ein.
Sie hat Macken und Kanten - sicher ... nun ja ... haben wir die nicht alle? ;o)

Samstag, 28. August 2010

Anke


Vorwort

Die Geschichte ist einer "guten Mär" (ähnlich dem: Vom Himmel hoch, da komm ich her. Ich bring euch gute, neue Mär" - M. Luther) angepasst, also wundert Euch nicht über ihren Klang.

Die Tatsache
Der Strandhafer kitzelte sie an den Beinen. Der Wind blies hartnäckig über das Land und schaufelte kleine Sanddünen um ihre Füße.
Sie hielt die Hand schützend gegen das grelle Sonnenlicht über die Augen, schaute weit hinaus in das Glitzern und Tanzen der See, zählte die Sonnenstrahlen auf den Wellen – allerdings kam sie zu keinem rechnerisch richtigen Ergebnis, so wie sie auch zu keinem kam, was Björn betraf.
Er war so einfach abgereist, hatte sich einfach so davon gemacht. Hatte auf dem großen Frachter angeheuert und seinen Seesack geschultert – und fort war er. Ohne ein Wort, ein Zeichen. Als hätte es das zwischen ihnen nicht gegeben – das zwischen Anke und Björn.
Sie nahm die Hand von der Stirn. Was sollte das Schauen? Er kam nicht über das Meer zu ihr gelaufen wie Jesus, von dem in der alten Bibel stand, dass er das konnte. Und vor dem die Männer in dem Boot einst so erschraken.
Sie klatschte ihre Hände an den Kleiderrock, drückte ihn fest gegen ihre Beine, damit der Wind ihn nicht über ihren Kopf werfen konnte und rannte schnell der Kate nahe dem Ufer zu, in der sie mit ihrer Familie lebte.

„Hast du wieder Ausschau gehalten“, murmelte die Alte in der Ecke, die ihre Großmutter war und meist dumpf vor sich hin brütete. Sie war des Lebens müde, die Alte. Sie war matt und lahm, hatte tränende Augen und zitternde Lippen und das spärliche Haar klebte wie ein zerlöcherter Helm um ihren Kopf.
Die Alte nickte und sprach ihren Singsang. „Ei-ei-ei, was soll das werden. Wächst heran im Dunkel ...“
„Sei doch still!“ Energisch fuhr die Stimme der Mutter dazwischen. „Du mit deinem Gebrabbel! Machst alle verrückt mit deinen dummen Weisheiten.“ Damit stellte die Mutter die Schüssel mit dem Mus auf den Tisch. Verteilte die irdenen Teller. Die Alte erhob sich schwer und ließ sich auf den einzigen Stuhl mit Lehne fallen. Mutter und Tochter hockten auf den dreibeinigen Schemeln.
Der Stuhl, der einem Throne glich, war dem Vater vorbehalten. Der war auf See, oder im Hafen, oder in der Werft ... oder – so genau wusste man das nie. Er kam und ging wie es ihm passte. Meist hatte er einiges intus, das seinen Gang schwankend machte. Doch heute sprang die Tür auf und der Vater betrat groß wie ein Drache den Raum. Den Frauen sanken die Löffel in das Mus, und die Alte knurrte ihr Ei-ei-ei.
„Was glotzt ihr so? Darf ein Mann nicht zum Mittagsmahl heimkommen?“ Er setzte sich mit Jacke und Stiefeln an den Tisch und verbreitete einen feuchten Salzwasserdunst.
Ganz gegen seine Gewohnheit hub er an zu sprechen. Das war das zweite Mal in Folge in kurzer Zeit. „Der Frachter ist raus. Mit den jungen Kerls. Hinrich Seiner ist an Bord. Mit Sack und Pack und glänzenden Augen.“ Das waren mehr Worte als der Vater sonst im Jahr sprach. Die Frauen hockten wie gelähmt am Tischrand und krallten sich fest. Nur Anke wusste, was diese Worte zu bedeuten hatten. Sie waren ein Signal, rotflammend, wütend und zerstörerisch. Anke legte leise den Löffel neben den Teller, erhob sich und lief die schmale Stiege hoch, auf den Hausboden, von wo aus es in die kleinste der Kammern ging, die die ihre war.
Mit zusammengepresstem Mund klammerte sie sich an das Betthaupt. Was sollte nur werden? Was sollte nur werden?
Der Hinrich Seiner, wie ihn der Vater nannte, hatte es vorgezogen, die Entscheidung wohl dem Wind zu überlassen, oder den Möwen, die das zerhacken konnten, was da nicht sein durfte. Sollte sie es in ein Nest legen, zu den Möweneiern? Damit es die Räuber fraßen? Wie hatte Björn sich das gedacht?
Der Vater hatte gewarnt. So einer ist nichts für dich, Deern. Das sind Reiche. Du bist nichts, hast nichts ... Und die Mutter hatte dazu genickt und ihr übers Haar gestrichen. Such dir einen, der zu dir passt, der ein Boot hat und zum Fischen fährt, dem die Beine im Sand stecken und dem es nicht hinaus auf alle Meere zieht. Mein Mädelchen.

Aber was sollte denn Anke machen? Wenn sie liebte, dann liebte sie. Nicht irgendeinen, sondern eben den Einen. Für immer, ganz und gar, unter Sonne und Mond, in Wind und Regen und nicht zuletzt bei Sturm und Eis.
Sie erhob sich vom Bett, schlich hinaus in den Mittagssonnenschein, sprang von Kiesel zu Kiesel, lief über staubfeinen Sand hin unter die hohen, feierlichen Kiefern und barg sich an deren krümeligen Rinden.

Die Einsicht
Björns Zimmer war nicht prächtig gewesen, da irrte der Vater. Ein eisernes Bettgestell, schmal und einsam, hatte neben dem Nachttisch gestanden. Der Vater hielt ihn streng. Vielleicht war Björn deshalb einer, der nach Luft schnappte und Sehnsucht nach der Weite hatte. Konnte es wohl nicht unterdrücken, dieses Jucken nach frischem, freiem Sein ...

Die Fischer bauten in einer Hauruck-Aktion ein Podium am Strand. Im kleinen Hafen der Insel. Aus duftenden Tannenbrettern wurde eine Tanzbühne genagelt. Es war Mai und sie rannte in den neuen Schuhen wie ein Wiesel, oder flog wie die wildeste Lachmöwe und erschreckte die Seeschwalben mit ihrem Freudengeheul. Ihr flog der Rock nur so um die Beine und die Wangen glühten hochrot.
Er lehnte an dem weiß gestrichenen Geländer, rauchte, trank Bier und lachte – der Björn. Breitschultrig war er, weißblond und braungebrannt. Er hielt die Arme über der Brust verschränkt und lächelte ihr entgegen. Mit klopfendem Herzen blieb sie stehen, wahrte den Abstand, der sich schickte. Aber die Augen, die Augen fanden ineinander.
Und noch mehr. Seine Hand klebte an ihrem Rücken beim Tanz nach der Schifferakkordeonmelodie und zauberte warme Wellen von Kopf bis zu den Füßen – und umgekehrt; nach der Mundharmonikaweise schwenkte Björn sie um den Tanzboden. Der Kuss auf ihren Hals fuhr wie ein Feuerbote durch ihre Seele.
Und dann trieb er sie in den Schatten der warmen Nacht.

Die Großmutter schüttelte am Tag darauf den Kopf. Das Ei-ei-ei blieb ihr fast im Hals stecken beim Anblick der Enkelin an diesem neuen Morgen. Ankes Augenlicht erhellte die Küche bis in den verborgensten Winkel, sie tanzte mit den Tassen im Arm noch einmal den Maientanz – solange, bis die Mutter derb Einhalt gebot. Da wurde die Freude zum duckenden Tier, das sich versteckte. Das Augenlicht verknappte sich, zog seine Strahlen aus den Winkeln der Küche und ließ das Mädchen verstummen in ihrem Gesang.
Der Vater aß bedächtig wie immer seine Morgensuppe. An diesem zweiten Maitag geschah etwas, was noch nie geschehen war. Der Vater nahm seine Tochter wahr. Er legte seinen Löffel beiseite und bohrte den Blick in Ankes Augen. „Du lässt die Finger von dem Kerl, hast du verstanden? Nicht mit dem, nicht mit Hinrich Seinem wirst du was anfangen.“ Großmutter und Mutter erstarrten zu Eis. Sie hatten noch nie erlebt, dass der Vater mehr sprach als nötig war. Er sprach nur von dem, was er brauchte, was zu tun war. Nie sprach er von etwas Bestimmten, was die Familie betraf, gab nie eine Meinung ab, denn es war ja nicht nötig. Keiner lief aus dem Ruder, jeder wusste, was auf dem kleinen Hof zu tun war. Die Mutter rollte die Ärmel hoch, wenn er Fang mitbrachte; sie setzte Kessel voll Wasser auf und wenn es dampfte, trug sie sie in den Schuppen, um dort die Seemannsklamotten zu reinigen von all dem, was daran hängengeblieben war. Sie pflegte die Geräte und den Garten. Sie kochte das Essen und backte das Brot. Und alles geschah in einer Stille, die niemand zu durchbrechen wagte. Erst recht nicht, wenn der Vater die Netze gespannt hatte und in Gedanken dabei saß, sie zu flicken.

Es gab eine Zeit, da war der Vater ein Mann mit blondem Backenbart, hell und lustig. Freundlich strich er dem Mädchen über die Zöpfe, schupste und stupste sie in den Rücken, in die Seite – dort, wo es so kitzelig war und das machte, dass sie rennen und lachen musste.
Er hob die Mutter durch den Sand und drehte sich mit ihr und sie rief: Du Verrückter! Selbst die Großmutter ließ die Sonne in ihren zahnlosen Mund schauen.

Und dann war da der Sohn geboren. So klein, so fein und blond. Und durfte nicht leben. Der Vater erhob seinen Arm gegen Gott und schwor ewige Rache.
Da wurde der Bart um seine Wangen dunkelgrau und verfilzt. Die Augen formten sich zu schmalen, bösen Schlitzen ...
Die Trauer der Mutter ergoss sich in Bitterkeit und in der Pflege des kleinen Grabes. Aber sie vergaß die Tochter nicht, so wie es der Vater tat.

Der Vater, dachte Anke unter den Kiefern mit Rinde an den Wangen, der Vater wird sterben, wenn er es erfährt ...

Prophezeiung
„Ei-ei-ei“, knurrte die Großmutter. Die Mutter zuckte nur mit den Schultern. „Was hast du nur immer? Was grummelst du zwischen deinen Lippen? Sei doch endlich still. Die Leute reden schon, dass du eine alte Unke bist. Willst du es mit allen hier verderben?“
„Du wirst schon sehen“, brummte nun die Alte, „was kommen wird. Sieh dir Anke an.“ „Was soll schon kommen? Sie wird eine Weile Liebeskummer haben. Aber der vergeht. Und dann kommt einer, mit dem sie leben wird.“
„Der Eine muss aber dann viel übersehen lernen – ob der das kann?“
„Was redest du nur?!“ Die Mutter schüttelte den Kopf.
„Kennst du dein Kind so wenig?“ Schwerfällig erhob sich die Alte und schlurfte hinaus in den Garten. Die Mutter hantierte weiter mit ihrer Arbeit und vergaß bald deren ahnungsvolle Rede. Der kleine Sohn wäre nun konfirmiert gewesen und würde mit dem Vater hinaus aufs Meer fahren. Da wäre auch der Vater ganz anders ... Aber was war denn besser? In ständiger Angst zu leben? – Oder schon diesen Schritt getan, diesen Schmerz erlitten zu haben? Was war besser?

Der Vater wütete. Nun verliebte sich dieses Mädel in diesen Lackaffen. Nur gut, dass der ab jetzt außer Sichtweite war. Er musste mit Jacob sprechen. Dessen Sohn hatte das Alter und die eigene Tochter war hübsch und schön. Da konnte nicht viel zu bemängeln sein.

Rechten
Und wenn sie zur alten Mirgel ging? Die, die Engel machte? Ankes Herz begann zu hüpfen, zu klopfen und die Gedanken riefen NEIN!
Doch da saß noch einer auf der Bettkante. Vor dem fürchtete sie sich. Eigentlich. Der war so dunkel und roch nach Schwefel. Und wenn er sich die Hände rieb, dampfte es unerbittlich, so, dass es ihr die Luft nahm. Der Gestank war nicht zu vertreiben.
Nun saß sie also hier. Der Dunkle saß neben ihr. Du meinst also, sprach sie – und dabei überfuhr es sie eiskalt –, du meinst also, das sei gut so? Wenn ich zur Mirgel ginge? Sie hörte ein scharfes Lachen. Was willst du sonst machen? Dein Vater wird das Beil holen und den Balg zerquetschen. Dich wird er ins Nirgendwo jagen. Du wirst in die See gehen müssen. Tu’s und wart nicht länger.
Der Platz neben ihr wurde leer. Der Druck schwand und die Gewissheit wurde stark.
Ja, nur so konnte es gehen. Was sollte sie auch anders machen? So ersparte sie allen großes Herzeleid und Kummer – und der Vater musste nicht zum Mörder werden.

Ganz leise fiepte da etwas in ihr, wie ein Junges, ein Kätzchen, kaum geboren, noch blind, doch suchend nach dem Schutz und Wärme der Mutter. Ihre Seele wollte schon genauer hinhören, denn sie konnte nicht wirklich den Ton, das Fiepen, ausmachen.
Da tauchte der Dunkle wieder auf und ermahnte sie: Bleib standfest, lass dich nicht locken mit süßen Tönen ...

Maßgeregelt
Die Mirgel wohnte weit ab vom Dorf, hinterm Wald, zwischen Feldern und Wegen. Der Abend nahte und die Sterne begannen, ihre Laternen anzuzünden. Freundlich leuchteten sie auf Ankes Haupt.
Als sie das Tuch um ihre Schultern spannte, trat ihr die Großmutter in den Weg.
Überlege genau was du tust, Anke.
Ja, ja, was soll ich schon tun? Ich geh spazieren, die Luft genießen. Es ist Mai, Großmutter ...
Hastig eilte sie weiter, zwang sich aber dann, langsam zu gehen, gemächlich zu schlendern.
Oh, wie ihr das Herz raste!
Die Seele zauberte ihr ein Bild: Weißer Stoff schwingt leicht im Hauch warmer Luft. Ein Duft pendelt zwischen Stoffbahnen hin und her, unbekannt und doch ganz, ganz vertraut. Süß und weich und milchig. Anke bleibt stehen. Fühlt ihren Bauch. Kleines, denkt sie, Kleines, so wirst du liegen zwischen zarten Kissen, ein Mündchen so süß wie ein Himbeerchen ... Ach, denkt sie, ach ...
Nichts ach! Erschrocken fährt die Hand vom Bauch. Du sollst dem nicht nachgeben, lass dich nicht verlocken, dem Süßlichen – ächz! Dem Ekelhaften. Willst du zur Vatermörderin werden?
Nein, wollte sie nicht. Der süße Hauch fiel dem Schwefeldunst zum Opfer.
Und weitaus holte sie Schritt.

Erkenntnis
„Wieso ist sie nicht da?“, fragte der Vater.
„Sie wollte spazieren gehen“, antwortete die Mutter.
„Was sind das für Marotten? Hat sie hier nichts zu helfen?“
„Ach lass sie“, verteidigte die Mutter die Tochter, „es ist gut so. Sie muss die Trennung überwinden.“
Die Mutter setzte sich an den Tisch zum Vater und schenkte ihm das Glas voll Bier ein.
„Und dann muss sie was wegbringen“, fügte die Großmutter an.
„Was wegbringen? Was meinst du damit?“
Die Mutter hielt im Einschenken inne.
„Das, was nicht sein darf.“ Die Großmutter behielt ihr Ei-ei-ei für sich.
Die Mutter schenkte das Glas voll, stellte die Flasche ab.
„Was darf nicht sein, so red’ doch endlich!“
„Du siehst es immer noch nicht? – Deine Tochter bekommt ein Kind, ein Kleines."

„Ein Kind?“ Die Mutter erblasste.
Der Vater hustete über dem Bier, spuckte und sprühte Tropfen um sich.
„Was redest du für dummes Zeug?“, knallte der Vater die Hand auf den Tisch.
„Überleg dir gut, was du sagst, Alte.“
Aber die Mutter hatte weite Augen und einen offenen Mund.
Sie stand auf.

Schnell lief sie durch den Sand, über die Steine, über die Äste, die wie bleiche Knochen im Mondschein schimmerten.
Und holte ihr Kind endlich ein.
Fasste es an den Schultern, sodass Anke aufschrie.
„Nein!“, schrie sie, „nein, lass mich, ich tu’s ja ...“
„Nein! Du sollst es nicht tun, Anke! Nein, nicht!“
Erst jetzt erkannte Anke ihre Mutter – und, dass es nicht der Dunkle war, der da mit ihr redete.
„Mutter! Mutter? ... Du weißt?“
„Warum hast du dich mir denn nicht anvertraut? – Komm nach Hause, lass uns überlegen, Kind.“
„Aber – der Vater ...“
„Der Vater? Der Vater wird’s überleben. Dafür sorge ich schon.“
„Meinst du nicht, dass er das Kind ... das Kind ... erschlagen ... ?“
„Aber Anke! Was redest du da für wirres Zeug? Dein Vater ist zwar ein rauer Mann, aber kein Totschläger. Also komm.“

Umkehr
Anke stand vor dem Mann, der wie ein Drache war. Der den Bart dunkel hatte und die Augen zu Schlitzen quetschte.
Sie legte die Hand auf ihren Bauch.
Als der Vater diese Geste sah, verließ er stillschweigend die Küche.

Der Winter nahte. Eisgrau lag die Luft auf den Häusern, auf dem Sand und auf dem Meer. Der Junge, der hätte Vater sein sollen, war nicht wiedergekommen. Er ruhte tief auf dem Boden unter der Schwere des Wassers.

Anke aber lief mit einem hellen Gesicht durch die Gegend. Rund und rosig. Mit dicker Jacke und Mütze – und manchmal begegnete sie einem jungen Mann, der der Sohn des Jacobs war. Er war nicht so von glanzvoller Schönheit wie der Vater des Kindes, das bald geboren werden sollte. Aber er war gutmütig, hatte ein selten warmes Herz und Arme voller Muskeln und stämmige Schenkel.
Ja, ab und zu traf sie den jungen Mann, der ihr sein Lächeln zuwarf.
Eines Tages – sie war am Strand, saß auf einem großen Holzbalken, schaute hinaus in das Dumpfe über dem Meer – da dachte sie an den, der ganz unten lag. Nach langem Prüfen und Abwägen spürte sie, dass sie frei von ihm war. Sie war traurig ob seines furchtbaren Schicksals, aber ihr Herz schlug ruhig.
Dagegen schlug es freudig, wenn sie an Jacobs Sohn dachte.
Der mit dem Lächeln.
Er hatte um ihre Hand angehalten.
Der Vater war froh über diese Verbindung. Er sagte es nicht, aber alle konnten seine Gedanken von seinem Gesicht ablesen.

Dann, als es eine stürmische Nacht gab, klopfte Anke heftig auf die Dielen. Die Mutter kam und sah Ankes Not.
Schnell war die Hebamme im Haus und als der Morgen graute, als es gegen neun Uhr ging, drang da ein mildes Stimmchen durch die Kammertür.

Der Vater watete schon seit Mitternacht am Ufer entlang. Schimpfte und rumorte mit dem, der oben vom Himmel aus das Regiment führt – und spürte, wie sein Hass auf den Ewigen nachließ, wie die Kraft der Wut verblasste, der Zorn seine Farbe verlor ... Er sah, wie alles Verkehrte sich glättete und einen Sinn bekam. Wie der Bogen sich spannte – wie aus Verfehlung etwas Heilsames wuchs. Wie ein hartes Herz sich wandeln konnte.
Er wunderte sich, der Vater, dass es so geschah. Und dachte nach.
Im Denken begegnete ihm Gott. Ganz neu.
Und nun ließ er die Verbitterung, den Groll in die Nacht sausen, ließ den Sturm um seinen Kopf brausen und gab dem Einen seine Niederlage – so, dass es ihn selbst auf die Erde schmiss.

Als er nass und kalt und zitternd die Tür zur Kate öffnete, hörte er ein leises Jauchzen. Eilig stampfte er die Treppe hoch, riss am Griff zur Kammer und stand dampfend an der leise wippenden Wiege.

Blond und weich und sanft lag da ein Bübchen.
Die alte und die junge Mutter saßen am und im Bett und summten mit glänzenden Augen das Ankommenslied für kleine Kinder.

Und der Mann, der nun Großvater war, fiel mit seinem Brummen ein in die Melodie.
Nach einer Weile erhob er sich, schaute in das kleine Gesichtchen zwischen den hellen Kissen, und segnete es mit dem uralten Segen seines Gottes.

Sonntag, 15. August 2010

Magenknurren

Der Junge spürt, wie die Kälte durch die dünnen Sohlen seiner Turnschuhe kriecht.
Die Schnürsenkel fehlen und dort, wo der große Zeh anstößt, sieht man, dass der Stoff ganz durchgewetzt ist.
Marcel rammt die Hände in die Hosentaschen und wippt hin und her.

Er denkt daran, wie er am Morgen auf dem Schulhof abseits gestanden hatte, ohne Frühstück, dafür mit Magenknurren.
Dann war da auch noch dieser Geruch, der ihm anhaftete wie zäher Klebstoff – kalter Zigarettenqualm und der Dunst ungelüfteter Zimmer.
Den schrägen Blicken seiner Mitschüler mochte er sich nicht mehr aussetzen, mochte auch nicht mehr ihre rümpfenden Nasen sehen.

Er war ein trauriger neujähriger Junge mit einer kleinen Schwester und mit einer Mama, die irgendwie nichts richtig auf die Reihe bekam, seit sein Papa sie alle verlassen hatte.
Corinna, seine Schwester, verstand noch nicht, wie demütigend es war, vertuschen zu müssen, dass man sich nicht wie andere Kinder all die verlockenden Dinge kaufen konnte, die Kinder so gerne mochten.

Dann war da dieser Thomas gekommen.
„Gruß, eh!“, hatte er gesagt.
Marcel hatte nichts erwidert.
„Brauchst nicht so zu tun. Ich weiß Bescheid.“
Marcel hatte mit klopfenden Herzen das Loch in der Hosentasche größer gepult.
„Ich habe auch kein Frühstück. Mutter trinkt und Vater pennt. Sie geben mir Geld, damit ich uns was kaufe ... Aber es reicht nie, das Geld.“
„Hmm...“, hatte Marcel geantwortet und dabei langsam seinen Kopf gehoben.
Thomas sah ebenso abgerissen aus wie er selbst.
Das konnte er auf Anhieb erkennen. Die Knöpfe an seiner Jacke fehlten. Fleckenübersät war die Hose, die er trug.
„Wieso uns?“, fragte Marcel.
„Was – wieso uns?“ Thomas zog die Stirn in Falten.
„Na, du hast gesagt ‚damit ich uns was kaufe. Wer ist uns?“
„Ach so. Ich habe noch eine Schwester, eine Zwillingsschwester. Jenny. Die steht da drüben. Sie hat das Glück, dass sie eine Freundin hat.“
„Ja, einen Freund zu haben ist gut“, überlegte Marcel.
Die Stundenklingel hatte die Kinder ins Klassenzimmer zurückgerufen.

Nun ist es Nachmittag und er steht auf dem Kinderspielplatz seines Viertels.
Noch immer hat er nichts gegessen.
Seine Mutter schlief noch tief und fest auf der Couch, als er nachhause gekommen war. Daneben, auf dem verschmierten Tisch, lag ein Päckchen Tabletten, Papiertaschentücher und ein Schuhkarton mit unbeglichenen Rechnungen.
Corinna war im Kindergarten oder bei Oma, er wusste es nicht genau.
Der Kühlschrank gab nur noch eine halbe Packung Milch her, ein wenig Butter und ein Glas Marmelade. Den Käse, hmm – den konnte man wohl nicht mehr essen...
So war es besser, er ging nach draußen und suchte nach leeren Flaschen, um an ein paar Cent zu kommen.

Es ist kalt. Es ist November und der Regen, der fällt, ist nicht mehr lauwarm wie im Sommer, sondern er sticht mit spitzen Eisnadeln in seine Schultern.
Er zieht sie hoch bis zu den Ohren, um die Kälte abzuwehren. Dennoch friert er – bis tief in sein Herz hinein. Und der Druck der Tränen hinter seinen Augen wird unerträglich, weil er sie nicht weinen will.
Denn dann hat er verloren. Er würde sich eingestehen müssen, dass es keinen Ausweg mehr gibt für seinen Hunger, für sein Frieren.

„He, grüß dich!“
Thomas klopft Marcel auf die Schulter.
„Stehst du schon lange so versunken da? Es regnet. Komm, lass’ uns wo unterstellen.“
Thomas zerrt Marcel am Arm.
„He, lass’ das!“, sagt der frierende Junge. „Es gibt hier nichts zum unterstellen. Aus dem Supermarkt wird man fortgejagt und die Hauseingänge sind alle verschlossen.“ Marcel zieht demonstrativ den Inhalt seiner Nase hoch und schüttelt sich unter der von der Nässe durchweichten Jacke.
„Doch! Ich kenne eine Stelle, wo sie uns nicht hinauswerfen. Dort bekommen wir sogar ein feines Abendbrot. Los, laufen wir. Jenny ist schon dort.“ Wieder fasst Thomas Marcel am Arm und zieht ihn jetzt mit aller Kraft auf den Weg.
Diesmal lässt es Marcel mit sich geschehen. Er ist gespannt, was Thomas, den er erst so kurz kennt, mit ihm vorhat.

Sie laufen mit schnellen Schritten die Straße hinab, kommen am Marktplatz vorbei und biegen in eine Seitenstraße ein.
Schon von weitem sieht Thomas das große Schild über der Eingangstür: TEEPUNKT.
Und auch Jenny ist da.
Sie lächelt ihrem Bruder entgegen. Ihr hellblauer Blick streift Marcel, erst zögernd, dann bereitwillig, den Freund ihres Bruders willkommen zu heißen.
Jenny sieht sauber aus.
Der rote Anorak steht ihr, macht ihr blondes Haar leuchtend.
Sie reicht Marcel die Hand. „Wirst sehen, hier ist es richtig gut. Gleich kommen Frank und Daniela. Dann dürfen wir ins Warme und bekommen Tee und Wurstschnitten. Die sind lecker. Manchmal spielt Frank mit uns ein Spiel oder Heiko erzählt uns Geschichten.“
„Geschichten ...?“ Marcels Stimme klingt abwertend. „Geschichten sind doch was für Kindergartenkinder.“ Er rümpft die Nase.
„Ja, eigentlich schon. Aber diese Geschichten, weißt du, die sind irgendwie besonders. Er liest sie aus so einem dicken Buch vor, dass er BIBEL nennt. Er liest sie nicht genauso vor, wie sie da stehen – sie klingen nämlich so altmodisch, kichert Jenny – nö, er erzählt das ganz spannend. Fast so wie Harry Porter!“ Jetzt grinst Jenny über ihr ganzes Gesicht.
„Nur das der Harry Porter JESUS heißt“, wirft nun auch Thomas ein.
Marcel weiß darauf nichts zu antworten.
Er will nur eines: etwas in den Magen und ein paar warme Füße. Da kann man schon mal eine Geschichte von einem Jesus in Kauf nehmen.

Dienstag, 10. August 2010

Mordfall in Klein-Kleckersdorf

Bildquelle: Google-Bild
Eine nicht ganz erstzunehmender Kriminalfall, bei dem sich Gunnar Knauselwitz und Bernd Faselmann mächtig ins Zeug legen, um ihn zu lösen.


Ferdinand Fünzel zog kräftig an seiner Havanna, die er zwischen den nikotingelben Fingern hielt, und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Vor ihm lag eine alte, zerfledderte Regionalkarte von Klein-Kleckersdorf.
Die Dämmerung brach herein und unterstrich mit ihrem aufkommenden Nebel den herbstlichen Charakter, den der Oktober so an sich hat.
Genauso war es damals gewesen, als sie Waldemar Specht eins über die Rübe gezogen hatten. Sie, das waren er und sein Kumpan Hotte Meier, beide Besitzer eines großen, rentablen Kioskes an der Krumboldstrasse.
Und Specht war von der Steuerfahndung. Die Knalltüte behauptete doch, ihre Bücher wären getürkt! Na, dem hatten sie’s aber gezeigt, als der nicht locker lassen und sie anzeigen wollte.
Loretta, seine Frau, wunderte sich nur, dass er abends nie mehr auf ein Bierchen am Kiosk vorbei kam. Allerdings musste er sich gestehen, dass Spechts Ende drastischer als geplant ausgefallen war. Meier und er wollten diesen Speichellecker nur ein wenig erschrecken, und dann war der Schwung des Knüppels doch zu derb gewesen.

Er schaute auf die ausgebreitete Karte. Seine Finger fuhren über die markierte Stelle mit dem roten Kreuz: Das Grab des Waldemar Specht.
Heute morgen klingelte das Telefon, und ein aufgeregter Hotte teilte ihm mit, dass Waldarbeiter im besagtem Waldstück ein männliches Skelett gefunden hätten.
Sie hatten einst den Toten nur flüchtig am Waldrand versteckt. Erst am nächsten Abend, immer die Angst der Entdeckung im Nacken, war es ihnen anhand dieser Regionalkarte gelungen, die kleine Lichtung im Wald auszumachen, auf der sie Waldemar beerdigt hatten. Sie drückten bedauernd ihre Mützen an den Bauch, hielten die Köpfe gesenkt und kauten ein bisschen auf ihrem schlechten Gewissen herum. Doch nun war Waldemar wohl dem Spürsinn so manchen Tieres erneut zum Opfer gefallen.

„Ferdinand, du verdirbst dir die Augen! Mach doch Licht!“ Loretta betrat mit Schwung das kleine Arbeitszimmer ihres Mannes und riss das Fenster des Raumes auf.
„Mit deiner ewigen Zigarrenqualmerei verpestest du die ganze Wohnung!“ Dabei wedelte sie mit den Händen die im Zimmer hängenden Rauchschwaden zum Fenster hinaus.
Der aus seinen Gedanken gerissene Mann maulte: „Ständig hast du was zu meckern“. Dabei glitt sein Blick über seine Kontoauszüge, die er dabei war ordentlich zu sichten und zu sortieren. Sie zauberten ob ihrer Habensumme ein feistes Lächeln auf sein Gesicht.

„Übrigens, hast du schon gehört? Die Polizei hat eine Leiche im Forst gefunden. Es ist unheimlich! Nicht mal hier im Städtchen ist man seines Lebens sicher.“ Loretta schloss mit einem Knall das Fenster und schnappte sich den vollen Aschebecher.

Gunnar Knauselwitz klappte seine Mappe mit den Indizien zu und wandte sich an seinen Kollegen Bernd Faselmann: „Wenn der Kommissar weiter so‘n Rabatz macht, werd‘ ich noch verrückt! Der immer mit seiner Eile! Am liebsten wäre ihm, wir hätten die Ergebnisse vom gestrigen Waldfund schon vorgestern vorgelegt. Dem ist einfach nicht klar, dass wir erst die Obduktion abwarten müssen, ehe wir sinnvolle Schlüsse ziehen können.“
„Naja, du kennst ihn doch!“, meinte sein Kollege beschwichtigend. „Aber da fällt mir etwas ein. Der beiliegende Brief in der Plastikhülle, noch ziemlich gut lesbar, war wie unterzeichnet? War das mit einem L und einem F?“
Knauselwitz schlug stirnrunzelnd wieder die Mappe auf, blätterte und sagte dann: „Ja, am Ende steht ein L und ein F. Auch die Anrede – ‚Lieber W.‘ kann man gut entziffern. Hast du einen Verdacht?“
„Ist es ein Liebesbrief?“
„Denk ich doch bei dem Gesäusel!“, feixte Knauselwitz.

Derweil saßen Hotte Meier und Ferdinand Fünzel lachend in dessen Arbeitszimmer und prosteten sich mit einem Kognak zu. „Man wird nichts finden. Den 4000 Mark, die wir zurück ließen, wird in dem Ölbeutel nichts geschehen sein. Sie werden kein weiteres Geld vermuten – denn: Sie kennen unseren Kontostand nicht!“, lachte Fünzel. Meier schniefte: „Mensch, wer konnte denn ahnen, dass der beknackte Specht einen Geldkoffer dabei hatte, den er in ein Schließfach bringen wollte. „Für uns war das ein warmer Regen!“, wieherte Fünzel. „Wenn das meine Alte wüsste, was ich inzwischen auf der hohen Kante habe! Nur gut, dass dann bald der Euro kam und wir das Geld ‚waschen‘ konnten.“ Fünzel nahm die Kognakflasche und goss beiden die Schwenker voll.

Entsetzen breitete sich in der lauschenden Loretta hinter der Tür aus. Sie ließ sich im Flur auf einem Stuhl nieder, den Staublappen in der Hand. Was hatte sie da gehört? Waldemar war tot? Ihr Mann hatte Geld? Sie dachte und dachte und plötzlich fing ihr Herz an zu rasen, und sie dachte wieder: ‚Waldemar, du hattest das Geld also schon zusammen für das Häuschen in Spanien und ich nahm an, du hättest mich verlassen. Oh, Waldemar ...!“ Ein krächzender Laut des Schmerzes quälte sich aus ihrer Kehle, und sie presste die Hand mit dem Tuch auf ihren Mund.
‚Diese Lumpenhunde, diese Mörder!‘ Nichts anderes konnte Loretta mehr denken, als es schrill an der Wohnungstür klingelte.
Benommen öffnete sie den davor stehenden Polizisten. Nach dem sich die beiden Männer vorgestellt hatten, was lächerlich wirkte, da die Polizisten Loretta gut bekannt waren, begehrten sie den Ehemann Lorettas zu sprechen. Fassungslos öffnete sie Fünzels Arbeitszimmer. Meier und Fünzel lachten immer noch, und auch diesmal hing unter der Zimmerdecke dicker Zigarrenqualm. Über die Köpfe der beiden hinweg griff sich Knauselwitz die auf dem Schreibtisch liegenden Kontoauszüge.
Er murmelte „aha“ und „soso“ ... „Meine Herren“, dabei hielt Faselmann einen transparenten Beutel in die Höhe, „ist Ihnen inliegendes Indiz bekannt?“ Entsetzt schauten beide Männer in die Gesichter der Polizeibeamten und verneinten im Duett die Frage.
„Aber klar“, rief jetzt Loretta, die sich eifrig zwischen die Beamten drängelte, „das ist doch deine Mütze, Hotte, die ich dir letztes Weihnachten geschenkt habe! Erinnerst du dich nicht?“ Loretta bekam vor Eifer rote Wangen.
„Nene du, da musst du dich irren“, stotterte der Angesprochene.
Nun wandte sich Faselmann direkt an Loretta: „Frau Fünzel, darf ich ihnen etwas zeigen?“ Er zog einen kleineren Beutel aus dem Inneren seiner Jacke und holte ein Papierstück daraus hervor. Er entfaltete es mit behandschuhten Händen und hielt es vor Lorettas Gesicht.
„Ist ihnen der Inhalt dieses Briefes bekannt, vor allem, kennen sie den Adressat?“
Loretta war nicht mehr in der Lage, ihre Tränen zurückzuhalten.
„Ja“, hauchte sie, „ich habe diesen Brief an Waldemar geschrieben.“
„Was sagst du da?!“, donnerte es aus dem Hintergrund. „Hattest du mit diesem Lumpen etwa ein Verhältnis?“ Fünzel rollte mit den Augen. Am liebsten hätte er seine Frau gepackt und geschüttelt, aber Knauselwitz wusste das zu verhindern.
„Herr Fünzel, sie sagen ‚hattest‘? Wieso ‚hattest‘ – was meinen sie damit?“
„Ähm, ich meine – ich dachte“, stotterte Fünzel herum, „weil es doch einen Toten im Wald gegeben hat, da dachte ich...“
„Nichts mit ‚dachte ich‘! Sie beide sind festgenommen!“
„Sie können uns nichts beweisen!“, triumphierte Hotte Meier.
„Doch, das können wir“, erwiderte Gunnar Knauselwitz, „wir haben handfestes Beweismaterial und die Aussage Frau Fünzels. Und wir haben die Kontoauszüge, deren Vorgänge sich leicht nachvollziehen lassen.“ Damit entnahm er seiner Gesäßtasche zwei Paar Handschellen und ließ sie bei Fünzel und Meier um die Gelenke schnappen.

Insgeheim weidete er sich an diesem metallenen Klicken, das er zum ersten Mal in seiner Laufbahn hörte.

copy by gh
Zur Erleuterung: Unter diesem Titel wurde mir einmal in einer früheren Schreibwerkstatt die Aufgabe gestellt, daraus einen Kurzkrimi zu basteln.
Ich bin keine Krimischreiberin - und so entstand dieses sicher auf sehr wackeligen Füßen stehende Geschichtchen. :)

Dienstag, 18. Mai 2010

Neustart

Geschlossen? Nein.
Wiedereröffnung ... :-))
In ein paar Tagen.