Mittwoch, 2. September 2009

dicke zeit

eine kleine sommererzählung ... schluss


bild: "frau mit hut" mit freundlicher genehmigung von hanka

Nackt und rund gibt der Spiegel Hanna wieder.
Sie sieht Dellen und Wülste, sieht und spürt Schenkel, die aneinander reiben.
Die Brust hängt schwer herab.
Kein schönes Bild.
Und doch ist es das, was sie äußerlich ausmacht. Nach dem Inneren fragt schon lange keiner mehr.
Schön ist ihr langes, blondes Haar, ihre blauen Augen mit dem dunklen Ring um die Iris. Sie hat kleine, niedliche Ohren. Ideal für Ohrringe.

Die Hand des Malers schiebt sich mit einem schillernden Seidenschal hinter den Paravent. Hanna drückt den leichten Stoff vor die Brust, tritt zögernd hervor.
Auf den kurzen Weg will sie der Mut verlassen, aber der Maler reicht ihr den erneut gefüllten Becher mit Wein. Schnell spült sie damit ihr Schamgefühl fort, weg, weg ... weit weg.

Bald fühlt sie sich besser.
Der Mann verteilt Kissen über den Diwan. Hanna setzt sich unbeholfen in die Polster.
Vorsichtige schiebt der Künstler Hanna in eine liegende Haltung, hebt die Beine in Position.
Dann tritt er ein Stück zurück, verschränkt die Arme, greift sich ans Kinn und lässt seinen Blick prüfend über die Frau gleiten.
Noch einmal geht er auf sie zu, drapiert ihr Haar auf den Arm, den sie unter ihren Kopf geschoben hat. Die Brust verhüllt er leicht mit dem Tuch, lässt es spielerisch über Bauch und Hüfte bis zu den Beinen wallen. Die Zehen der kleinen Füße sind rot lackiert.
Im Schein der Sonne, der zwischen den Vorhängen durch ein großes Fenster fällt, ergibt das Ensemble ein aufregendes Farbenspiel.

Konzentriert beginnt der Maler sein Werk.
Malt Umrisse, Schatten und Flächen, Ausbuchtungen und Rundungen.
Hanna entspannt sich, ist nun ganz locker, kann aber ihre Gedanken nicht steuern. So vieles geht ihr durch den Kopf.
Der Wein hat ihr eine schöne Leichtigkeit vermittelt, und doch denkt sie: Warum lasse ich mich so malen, so ohne allen Schutz ... nackt?

In der Welt, in der sie lebt, hängt der Maßstab des menschlichen Wertes ausschließlich von der Aussage einer Personenwaage ab. Und dieses Ergebnis wiederum steuert Erfolg oder Misserfolg im beruflichen Leben.
Sie hat viel Schlimmes an Diskriminierung, Erniedrigung und Anfeindung erleben müssen.
Ihre Seele ist zerschunden. Nun hat sie sich etwas ausgedacht ...

Warme Stille tropft wie flüssiger Honig in ihr Ferienhaus.
Die tief stehende Abendsonne malt auf Wand und Möbel Ornamente in veränderbaren Mustern.
Mitten hinein in dieses Flimmern legt sich Hanna auf ihr Bett, schließt die Augen und lässt die Hände über ihren Körper gleiten.
Sie spürt den eigenen Pulsschlag, fühlt jede Unform ihres Leibes, spürt die noch festen Schenkel.
Dann erhebt sich Hanna, geht in die Küche und bereitet sich ein Abendbrot zu.
Sie nimmt den Teller und setzt sich auf die Veranda.
In der Dämmerung leuchten die Kerzen hell und flackern ab und zu im Luftzug.

Von nun an fährt sie jeden Morgen um die gleiche Stunde zur Kleinstadt.
Jedesmal wird sie mit einem Becher Wein begrüßt, und jedesmal muss sie neu ihre Scheu überwinden.
Aber der Maler ist ein feinfühliger Mensch.
Nach den Sitzungen durchblättert er mit ihr Bildbände, die er stapelweise auf Borden hortet. Er zeigt ihr korpulente Frauen - Mätressen, Geliebte, Prostituierte, Kurtisanen, die reiche Herren in Öl, Aquarell oder nur mit Stift malen ließen.
Rosiges Fleisch.
Und eines Tages ist es dann geschafft: Das fertige Bild steht auf der Staffelei und leuchtet in seinen natürlichen Farben den Raum aus. Ein augenblicksgebundener Moment gebannt auf Leinwand.
Hanna ist sehr zufrieden.

Sie bestellt sich einen Mietwagen aus Landskrona, und holt ihr Bild ab und lehnt es an die Wand im Ferienhaus.
Die geöffnete Rotweinflasche steht auf dem Holztisch, ein derbes Weinglas daneben.
Und wieder tropft Zeit in die Stille des Tages.
Hanna füllt ihr Glas und wendet sich dem Bild zu. Schaut und empfindet.
Etwas Eigenartiges geschieht – sie beginnt sich wohl zu fühlen in ihrer leiblichen Hülle.
Der Maler hat sie gelehrt, die Weichheit und Fülle ihres Körpers mit anderen Augen zu sehen. Die Geschmeidigkeit und den Glanz ihrer Haut, die leichte Brauntönung und die gesunde Durchblutung ihres Teints sieht sie nun als etwas ganz Besonderes.

Zu Hause angekommen, verwirklicht sie ihre an Gestalt gewonnene Idee.
Hanna mietet eine große Werbewand und lässt sie mit ihrem Bild als Plakat bekleben. Folgender Kommentar steht darunter:
Es wird Zeit zu wissen, dass ich ICH bin.

Das Labyrinth der Zeit, der Zeit, in der sie sich unwürdig vorgekommen war, ist durch ihren Willen, sich zu verändern, durchbrochen.
Hannas Laden, ein Modegeheimtipp für kräftig schöne Frauen –
denn jede Frau ist auf bestimmte Weise schön – wird ein voller Erfolg.
Mitten im Laden prangt nun die pure nackte verhüllte Weiblichkeit!

© by gh/2005