Dienstag, 10. August 2010

Mordfall in Klein-Kleckersdorf

Bildquelle: Google-Bild
Eine nicht ganz erstzunehmender Kriminalfall, bei dem sich Gunnar Knauselwitz und Bernd Faselmann mächtig ins Zeug legen, um ihn zu lösen.


Ferdinand Fünzel zog kräftig an seiner Havanna, die er zwischen den nikotingelben Fingern hielt, und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Vor ihm lag eine alte, zerfledderte Regionalkarte von Klein-Kleckersdorf.
Die Dämmerung brach herein und unterstrich mit ihrem aufkommenden Nebel den herbstlichen Charakter, den der Oktober so an sich hat.
Genauso war es damals gewesen, als sie Waldemar Specht eins über die Rübe gezogen hatten. Sie, das waren er und sein Kumpan Hotte Meier, beide Besitzer eines großen, rentablen Kioskes an der Krumboldstrasse.
Und Specht war von der Steuerfahndung. Die Knalltüte behauptete doch, ihre Bücher wären getürkt! Na, dem hatten sie’s aber gezeigt, als der nicht locker lassen und sie anzeigen wollte.
Loretta, seine Frau, wunderte sich nur, dass er abends nie mehr auf ein Bierchen am Kiosk vorbei kam. Allerdings musste er sich gestehen, dass Spechts Ende drastischer als geplant ausgefallen war. Meier und er wollten diesen Speichellecker nur ein wenig erschrecken, und dann war der Schwung des Knüppels doch zu derb gewesen.

Er schaute auf die ausgebreitete Karte. Seine Finger fuhren über die markierte Stelle mit dem roten Kreuz: Das Grab des Waldemar Specht.
Heute morgen klingelte das Telefon, und ein aufgeregter Hotte teilte ihm mit, dass Waldarbeiter im besagtem Waldstück ein männliches Skelett gefunden hätten.
Sie hatten einst den Toten nur flüchtig am Waldrand versteckt. Erst am nächsten Abend, immer die Angst der Entdeckung im Nacken, war es ihnen anhand dieser Regionalkarte gelungen, die kleine Lichtung im Wald auszumachen, auf der sie Waldemar beerdigt hatten. Sie drückten bedauernd ihre Mützen an den Bauch, hielten die Köpfe gesenkt und kauten ein bisschen auf ihrem schlechten Gewissen herum. Doch nun war Waldemar wohl dem Spürsinn so manchen Tieres erneut zum Opfer gefallen.

„Ferdinand, du verdirbst dir die Augen! Mach doch Licht!“ Loretta betrat mit Schwung das kleine Arbeitszimmer ihres Mannes und riss das Fenster des Raumes auf.
„Mit deiner ewigen Zigarrenqualmerei verpestest du die ganze Wohnung!“ Dabei wedelte sie mit den Händen die im Zimmer hängenden Rauchschwaden zum Fenster hinaus.
Der aus seinen Gedanken gerissene Mann maulte: „Ständig hast du was zu meckern“. Dabei glitt sein Blick über seine Kontoauszüge, die er dabei war ordentlich zu sichten und zu sortieren. Sie zauberten ob ihrer Habensumme ein feistes Lächeln auf sein Gesicht.

„Übrigens, hast du schon gehört? Die Polizei hat eine Leiche im Forst gefunden. Es ist unheimlich! Nicht mal hier im Städtchen ist man seines Lebens sicher.“ Loretta schloss mit einem Knall das Fenster und schnappte sich den vollen Aschebecher.

Gunnar Knauselwitz klappte seine Mappe mit den Indizien zu und wandte sich an seinen Kollegen Bernd Faselmann: „Wenn der Kommissar weiter so‘n Rabatz macht, werd‘ ich noch verrückt! Der immer mit seiner Eile! Am liebsten wäre ihm, wir hätten die Ergebnisse vom gestrigen Waldfund schon vorgestern vorgelegt. Dem ist einfach nicht klar, dass wir erst die Obduktion abwarten müssen, ehe wir sinnvolle Schlüsse ziehen können.“
„Naja, du kennst ihn doch!“, meinte sein Kollege beschwichtigend. „Aber da fällt mir etwas ein. Der beiliegende Brief in der Plastikhülle, noch ziemlich gut lesbar, war wie unterzeichnet? War das mit einem L und einem F?“
Knauselwitz schlug stirnrunzelnd wieder die Mappe auf, blätterte und sagte dann: „Ja, am Ende steht ein L und ein F. Auch die Anrede – ‚Lieber W.‘ kann man gut entziffern. Hast du einen Verdacht?“
„Ist es ein Liebesbrief?“
„Denk ich doch bei dem Gesäusel!“, feixte Knauselwitz.

Derweil saßen Hotte Meier und Ferdinand Fünzel lachend in dessen Arbeitszimmer und prosteten sich mit einem Kognak zu. „Man wird nichts finden. Den 4000 Mark, die wir zurück ließen, wird in dem Ölbeutel nichts geschehen sein. Sie werden kein weiteres Geld vermuten – denn: Sie kennen unseren Kontostand nicht!“, lachte Fünzel. Meier schniefte: „Mensch, wer konnte denn ahnen, dass der beknackte Specht einen Geldkoffer dabei hatte, den er in ein Schließfach bringen wollte. „Für uns war das ein warmer Regen!“, wieherte Fünzel. „Wenn das meine Alte wüsste, was ich inzwischen auf der hohen Kante habe! Nur gut, dass dann bald der Euro kam und wir das Geld ‚waschen‘ konnten.“ Fünzel nahm die Kognakflasche und goss beiden die Schwenker voll.

Entsetzen breitete sich in der lauschenden Loretta hinter der Tür aus. Sie ließ sich im Flur auf einem Stuhl nieder, den Staublappen in der Hand. Was hatte sie da gehört? Waldemar war tot? Ihr Mann hatte Geld? Sie dachte und dachte und plötzlich fing ihr Herz an zu rasen, und sie dachte wieder: ‚Waldemar, du hattest das Geld also schon zusammen für das Häuschen in Spanien und ich nahm an, du hättest mich verlassen. Oh, Waldemar ...!“ Ein krächzender Laut des Schmerzes quälte sich aus ihrer Kehle, und sie presste die Hand mit dem Tuch auf ihren Mund.
‚Diese Lumpenhunde, diese Mörder!‘ Nichts anderes konnte Loretta mehr denken, als es schrill an der Wohnungstür klingelte.
Benommen öffnete sie den davor stehenden Polizisten. Nach dem sich die beiden Männer vorgestellt hatten, was lächerlich wirkte, da die Polizisten Loretta gut bekannt waren, begehrten sie den Ehemann Lorettas zu sprechen. Fassungslos öffnete sie Fünzels Arbeitszimmer. Meier und Fünzel lachten immer noch, und auch diesmal hing unter der Zimmerdecke dicker Zigarrenqualm. Über die Köpfe der beiden hinweg griff sich Knauselwitz die auf dem Schreibtisch liegenden Kontoauszüge.
Er murmelte „aha“ und „soso“ ... „Meine Herren“, dabei hielt Faselmann einen transparenten Beutel in die Höhe, „ist Ihnen inliegendes Indiz bekannt?“ Entsetzt schauten beide Männer in die Gesichter der Polizeibeamten und verneinten im Duett die Frage.
„Aber klar“, rief jetzt Loretta, die sich eifrig zwischen die Beamten drängelte, „das ist doch deine Mütze, Hotte, die ich dir letztes Weihnachten geschenkt habe! Erinnerst du dich nicht?“ Loretta bekam vor Eifer rote Wangen.
„Nene du, da musst du dich irren“, stotterte der Angesprochene.
Nun wandte sich Faselmann direkt an Loretta: „Frau Fünzel, darf ich ihnen etwas zeigen?“ Er zog einen kleineren Beutel aus dem Inneren seiner Jacke und holte ein Papierstück daraus hervor. Er entfaltete es mit behandschuhten Händen und hielt es vor Lorettas Gesicht.
„Ist ihnen der Inhalt dieses Briefes bekannt, vor allem, kennen sie den Adressat?“
Loretta war nicht mehr in der Lage, ihre Tränen zurückzuhalten.
„Ja“, hauchte sie, „ich habe diesen Brief an Waldemar geschrieben.“
„Was sagst du da?!“, donnerte es aus dem Hintergrund. „Hattest du mit diesem Lumpen etwa ein Verhältnis?“ Fünzel rollte mit den Augen. Am liebsten hätte er seine Frau gepackt und geschüttelt, aber Knauselwitz wusste das zu verhindern.
„Herr Fünzel, sie sagen ‚hattest‘? Wieso ‚hattest‘ – was meinen sie damit?“
„Ähm, ich meine – ich dachte“, stotterte Fünzel herum, „weil es doch einen Toten im Wald gegeben hat, da dachte ich...“
„Nichts mit ‚dachte ich‘! Sie beide sind festgenommen!“
„Sie können uns nichts beweisen!“, triumphierte Hotte Meier.
„Doch, das können wir“, erwiderte Gunnar Knauselwitz, „wir haben handfestes Beweismaterial und die Aussage Frau Fünzels. Und wir haben die Kontoauszüge, deren Vorgänge sich leicht nachvollziehen lassen.“ Damit entnahm er seiner Gesäßtasche zwei Paar Handschellen und ließ sie bei Fünzel und Meier um die Gelenke schnappen.

Insgeheim weidete er sich an diesem metallenen Klicken, das er zum ersten Mal in seiner Laufbahn hörte.

copy by gh
Zur Erleuterung: Unter diesem Titel wurde mir einmal in einer früheren Schreibwerkstatt die Aufgabe gestellt, daraus einen Kurzkrimi zu basteln.
Ich bin keine Krimischreiberin - und so entstand dieses sicher auf sehr wackeligen Füßen stehende Geschichtchen. :)

Dienstag, 18. Mai 2010

Neustart

Geschlossen? Nein.
Wiedereröffnung ... :-))
In ein paar Tagen.

Samstag, 6. März 2010

Mary & Bill

Quelle: klick aufs Bild
Nighthawks - Edward Hopper

Mary & Bill
Der Versuch, Leben in ein Bild zu hauchen ...
(Schreibaufgabe eines nicht mehr existenten Schreibforums.)


"Es ist so still hier, Billy."
"Ja, Mary, das ist es."
"Weshalb ist es so still?"
"Das ist gewollt, Mary."
"Von wem gewollt?"
Bill kratzte sich an der Nase. "Da muss ich nachdenken."
"Es ist so trist hier, Billy."
"Ja, Mary, es ist trist, das stimmt."
"Und weshalb ist es so trist?"
Bill zupfte sich am Ohr. "Da muss ich nachdenken."
"Oh, Billy! Du machst mich wahnsinnig!"

Mary zupfte an ihrem Kleid und rückte sich in eine bequemere Position auf dem Barhocker zurecht.
"Also, Billy, was ist nun? Hast du eine Lösung?"
"Ich denke schon."
"Na los, sag! Spann mich nicht auf die Folter!"
Bill lüftete seinen Hut, fuhr mit der Hand über das pomadisierte Haar, setzte diesen wieder an Ort und Stelle und sagte: "Es ist so still und trist, weil es gewollt ist."


"Weil es gewollt ist?" Mary zog ihre Stirn kraus.
"Von wem gewollt?"
"Na, überleg mal", antwortete Bill etwas genervt.
"Ich komm nicht drauf. Wer könnte wollen, dass es hier keine Bilder an den Wänden gibt, keinen witzigen Kalender, keine Musikbox. Nicht einmal eine Pflanze verschönert den Laden. Komm, spuck's endlich aus, Billy!"


"Mary, Darling, wer kann schon wollen, dass es so ist wie es ist? Na? ... Edward doch!"
"Welcher Edward?"
"Welcher Edward! Du meine Güte, weißt du denn gar nichts?" Bill wandte sich an den Barkeeper.
"He, Jo, mach mir noch mal das Selbe", und reichte dem Mann mit dem Käppi sein Glas.

"Billy!" Marys Stimme schnappte über. Bill hatte manchmal eine Art, die
machte, dass ihr der Kopf dröhnte. Immer sprach er in Rätseln.
"Mary, weißt du wirklich nicht wer Edward ist? Edward Hopper?" Ein spöttisches Lächeln bildete sich auf Bills Lippen.
"Oh Billy, ist das der Kerl, der uns gemalt hat?"
"Yes, Darling! 100 Punkte!" Bill feixte.


"He Bill, dein Martini!" Jo reichte dem Mann im blauen Anzug das bestellte Getränk.
"Ach bitte, Jo, mach mir einen Shake - mit einem großen Schuss Likör!"
"Gern, Mary."
"Wieso hat Edward alles so karg geschaffen?"
"Wie soll ich das wissen, Mary?" Bill stöhnte.
"Vielleicht mag er keine Schnörkel. Sicher gefallen ihm klare Objekte."
"So wie's hier aussieht magst du recht haben, Bill." Mary stütze ihr Gesicht auf ihre Hände.
"Könnte man wohl daran etwas ändern? Weißt du, ich würde einmal etwas ausprobieren."
"Was willst du ausprobieren? Deine Möglichkeiten sind begrenzt."
Bill nippte am Martini und ließ ein kleines genüssliches Seufzen hören.
"Siehst du die Straße? Wenn wir nun einfach aus der Tür gehen würden ..." Marys Augen tasteten sich durchs Fenster hinaus auf den Gehweg.


"Und dann?" Bill war nicht ganz davon überzeugt, ob es Sinn machte, Marys Gedanken zu folgen.
"Schau dich um. Gegenüber gibt es ein Geschäft. Was das wohl für eines ist? Was mag sich darin verbergen?"
"So wie deine Augen leuchten, liebe Mary, verbirgt sich wohl die tollste Überraschung dahinter", lachte Bill.
"Ach Billy! Nimm mich ernst!" Mary sah gespannt aus dem großen Schaufenster von Phillies Bar.
"Sieh da oben, Bill! Die Rollos sind nur zur Hälfte herabgelassen. Wer mag dort wohnen?"
"Interessiert dich das wirklich? Ich würde lieber die Straße hinunter gehen." Bill schaute rechter Hand aus dem riesigen Fenster.
"Dort sieht es ja noch trostloser aus! Was hat sich wohl dieser Kerl dabei gedacht, dieser Edward XY? Nicht mal einen Gehweg gibt es, keine Bank, keine Tiere, keinen Kinderwagen ... und keine Laterne."


Fröstelnd schüttelte Mary ihren Körper.
"Wahrscheinlich liebt dieser Edward HOPPER die Stille", wehrte Bill Marys Einspruch ab.
"Nicht jeder ist so romantisch wie du."
"Das hat doch nichts mit Romantik zu tun! Man schaut in ein Nichts. Es könnt einen gruseln!"
Bill sah, wie die feinen Härchen auf Marys Armen den Aufstand probten.
"Dann schau nicht hin. Trink deinen Shake. Du hast dich nicht mal bei Jo bedankt", stellte Bill ermahnend fest.
"Oh Jo! Danke für den Shake! Sorry, habe gar nicht bemerkt, dass du ihn mir gebracht hattest", rief Mary mit heller Stimme dem jungen Mann zu.
"It's okay, Mary!"


"Hast du das gehört?" Die junge Frau neigte ihren Kopf zu Bill.
"Was soll ich gehört haben?" Wieder nahm Bill einen Schluck aus seinem Glas und wieder durchrieselte ihn ein Wohlgefühl.
"Na, den Klang seiner Stimme. Jo's Stimme klingt wie aus einem blechernen Lautsprecher."
"Woher willst du wissen, wie ein blecherner Lautsprecher klingt?" Bill verzog spöttisch sein Gesicht.
"Ich weiß es eben. Vielleicht hat dieser Edward HOPPER mir einen Sinn dafür gegeben", entgegnete Mary Bills Einwand mit gleicher Ironie.
"Klar! Weil du ein rotes Kleid trägst und rotes Haar hast bist du prädestiniert für die feinen Gefühle! Also, weißt du...! Bill prustete in sein Glas, das leer war.


"He Jo!..."
"Das Selbe?"
Bill nickte.
Mary nippte an ihrem Shake und leckte mit den Lippen einen Rest Likör ab.
Wie lange saßen sie jetzt eigentlich in Phillies Bar? Einen Abend? Eine Woche?
Sie schaute sich um und bemerkte den einzigen anderen Gast außer ihnen. Auch er trug Anzug und Hut, hatte einen Drink vor sich stehen. Er ist so merkwürdig ruhig, dachte Mary.

"Kennst du diesen Mann?" Mary nickte in die Richtung des Fremden und schaute dann Bill an.
"Nein, nie gesehen."
"Frag ihn doch mal, ob er sich zu uns setzen möchte. Er sieht so einsam aus."
"Das kann ich nicht." Bill stöhnte schon wieder.
"Weshalb kannst du das nicht?", fragte Mary ihren Partner gereizt.
"Ist das so schwierig: Ein Mann fragt einen anderen Mann, ob er Unterhaltung möchte?"
"Siehst du es denn nicht?"
"Was soll ich sehen, Billy?"
"Oh Mary, siehst du nicht, dass er gemalt ist? Er kann nicht rüber kommen."
"Billy!" Wie ein Lichtblitz hing das Wort über dem Tresen.
"Gemalt, Billy? Wie schrecklich!"
Traurig schaute Mary in ihr Glas mit der Milch, die nur noch aus einem Haufen Schaumbläschen bestand.

"Was denkst du, Mary?" Bills Lider hatten sich halb über seine Augen gesenkt.
Was sie dachte?
Wie gern stünde sie von diesem unbequemen Hocker auf, würde aus dieser Bar laufen und nach diesem dummen Maler suchen. Sie würde ihn bitten, Leben in die Straße zu hauchen.
"Na, nun sag schon!"
"Was soll ich denken? Verstehst du eh nicht." Schmollend verzog die rot gekleidete Frau ihren Mund.
"Es käme auf einen Versuch an ..."
"Ach Billy, soll ich wirklich ...?" Mary stoppte mitten im Satz.

Wieder schaute sie zu den Rollos hinüber. Nichts hatte sich verändert. Noch immer waren diese halb herabgelassen, noch immer war Dunkelheit im Laden gegenüber und noch immer führte die Straße ins Nirgendwo.

"Billy, ich möchte, dass wir aufstehen und gehen. Lass uns Edward Hopper suchen und mit ihm reden. Vielleicht ... vielleicht könnten wir uns dann auch ... küssen?" Mary wurde rot. Was redete sie da? Ihr Herz klopfte.
In Bills Gesicht spiegelte sich ein Hauch Verlegenheit wider.
"Nett, wie du das sagst, Mary. Ich möchte dich auch küssen. Aber es geht nicht."
Traurig schaute der Mann in die schönen Augen der Frau.
"Weshalb nicht, Billy?" fragte Mary leise.
"Weil, Liebes, alles um uns herum gemalt ist und wir nie aus dieser Tür gehen können."
"Aber – weshalb können WIR uns bewegen?" Bill konnte sie kaum verstehen.
"Tja, das weiß nur Edward Hopper!"

copy by gh 2005

Montag, 4. Januar 2010

HANNA

Foto aus: Weihnachten feiern (Bianka Bleier)

Weihnachten ist noch nicht zu Ende. Das offizielle "Schlussdatum" ist der 2. Februar. Darum, denke ich, ist die etwas andere Weihnachtsgeschichte noch passend ... oder?



Hanna



Hanna hatte einen Traum.
Sie hatte den Traum, den alle ängstlichen und geplagten Geschöpfe haben.
Sie träumte, von der Angst und der Plage befreit zu werden, die das Leben so schwer und unfrei machten.
Der Traum, den sie träumte, trug etwas Besonderes in sich. Sie wusste, dass dieser Traum einer Prophezeiung gleich kam.
Und sie wusste, dass Gott ihr diesen Traum gesandt hatte.


Noch einmal beugte sie sich mühsam ihren Füßen entgegen und schloss das Riemchen der zweiten Sandale.
Ihr schmerzte der Rücken.
Hanna zählte vierundachtzig Jahre. Die Gesundheit war aufgebraucht durch die Last und Mühsal der gelebten Zeit.
Sie nahm den Leinenbeutel, der ein wenig Brot und einen Rest an Schafskäse enthielt, und machte sich wie jeden Morgen in den nun rund sechzig Jahren auf den Weg zum Tempel.
Die Luft in der dämmrigen Frühe war frisch und kühl, ließ ihren Kopf klar werden und wusch den Rest des kurzen Schlafes aus ihren Augen.
Niemand begegnete ihr in den leeren und ruhigen Gassen Jerusalems.
Nur aus den Ställen, die rechts und links am Wege lagen, vernahm sie vertraute Laute – das leise Meckern eines Zickleins, das Bellen eines träumenden Hundes oder das dumpfe Grummeln der dicken Wollschafe.


Ihr kam wieder in den Sinn, wie kurz die Zeit an der Seite des geliebten Ehemannes, wie voller Hoffnung der Beginn ihres gemeinsamen Lebens gewesen war.
Sie hatten einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. Bald schon konnte sie die Wolle ihrer Schafherde auf dem Markt verkaufen, und ihr Mann lobte stets den Käse, den sie sorgfältig herstellte.
Nur sieben gemeinsame Jahre waren ihnen vergönnt gewesen. Sieben Jahre lang lag sie nachts neben ihren Mann, von dem sie keine Nachkommen hatte.
Sie war so jung schon Witwe geworden, und niemand war da, der für sie in Notzeiten sorgte. Lag sie krank danieder, war Hanna auf Almosen angewiesen.
Wie froh war sie in solchen Situationen über die liebevolle Fürsorge ihrer Nachbarin, die sie dann mit einer Schale nahrhafter Suppe und Brot versorgte.


Dankbar erkannte Hanna, wie ihr Gott, dem sie all ihr Vertrauen geschenkt hatte, sie durch bittere Zeiten hindurch trug.
Immer öfter ging sie hinauf in den Tempel der Stadt.
Um Gott zu dienen, fastete und betete sie. Dieses Tun wurde ihr so zum Bedürfnis, dass sie oftmals nicht bemerkte, wie die Tage in Nächte übergingen.


Beglückt lächelte sie in die Bläue des Morgens, als sie sich daran erinnerte, wie ihr Handeln belohnt wurde: Sie durfte wissen, dass es einen Trost geben würde – für sie selbst und für ihr jüdisches Volk.
Und so lief sie auch heute wieder voller Zuversicht zum Tempel auf den Berg.
In Gedanken sah sie die vielen Öllämpchen an den Tempelmauern, die einen heimeligen Lichtschein verbreiteten.
Viele Stunden würde Hanna vor Gott in Anbetung verharren.
Sie kannte nichts schöneres, als all ihre Gedanken in die Richtung zu schicken, aus der ihr Kraft und Freude erwuchsen, und aus der die Erlösung von ihrer Schuld kam, mit der jeder Mensch geboren wurde.


Hanna hatte am Tempel den Hof der Heiden erreicht, durchquerte diesen und lief hinauf über die ungleichen Stufen in den Vorhof, der für die Frauen bestimmt war.
Ihre Schritte waren hastig und beinahe wäre sie über eine steinerne Schwelle gestolpert.
Noch rechtzeitig stützte sich Hanna an der rauen Steinmauer ab.
Was war nur heute Morgen los mit ihr?
Schon beim Erwachen in der frühen Stunde hatte ihr Herz ungewohnt rasch geklopft.
Während sie so in ihre Gedanken versunken dastand, wurde sie urplötzlich von der aufgehenden Sonne getroffen, die ihre Strahlen über den Rand der Mauer schickte.
Ihre Seele wurde leicht und froh.
Eifrig setzte sich Hanna wieder in Bewegung und suchte sich, angekommen auf dem geräumigen Platz der Beterinnen, eine stille Ecke zur Andacht.


In ihre Gebete vertieft, achtete Hanna nicht auf die Stimmen von der hinzugekommenen kleinen Gruppe Menschen.
Sie wurde erst aufmerksam, als sie tiefe markante Männerlaute wahrnahm.
Das ist doch Simeons Stimme, dachte Hanna. Was macht er heute hier? Es ist nicht sein Tag. Und seine Stimme klingt so aufgeregt ... was hat er denn?
Hanna erhob sich schwerfällig von ihren Knien. Mit kreisenden Bewegungen versuchte sie, die Schmerzen aus ihnen zu verjagen. Keuchend richtete sie sich auf und wandte sich um.
Ihr Herz tat einen Hüpfer und begann wieder stark zu klopfen.


Behutsam lenkte sie ihre Schritte in die Richtung der angekommenen Leute.
Ihr Blick fiel auf Simeon mit seinem weißen Haupt- und Barthaar, das die einfallenden Sonnenstrahlen zum Leuchten brachten. Der gerechte und gottesfürchtige Simeon, der wie sie auf den Trost Israels wartete!
Aber – was trug er denn da? Und was sprach er zu dem Mann und zu dieser jungen Frau, die wie gebannt an seinen Lippen hingen?


Simeon hatte sein Haupt erhoben und blickte in den Himmel. Seine Lippen bebten ein wenig und seine Wangen hatten sich gerötet. Sicher zitterten auch seine Hände, aber das konnte Hanna nicht erkennen, weil er ein kleines Kind auf den Armen trug.
Nun senkte der Mann sein Antlitz dem Kind entgegen und er erhob seine Stimme aufs neue, sodass Hanna deutlich hören konnte was er sagte:
„Herr, jetzt kann ich in Frieden sterben. Denn ich habe den Befreier gesehen, den du der ganzen Welt gegeben hast. Er ist das Licht für alle Völker, und er wird der Ruhm für dein Volk Israel sein.“


Der Mann und die junge Frau sahen sich verwundert an.
Mit einer unendlich zärtlichen Geste gab der weise Mann dem Paar das Kind zurück. Simeon legte seine großen Hände auf deren Köpfe und segnete sie.
Der jungen Mutter aber sagte er:
„An diesem Kind wird sich das Leben vieler Menschen in Israel entscheiden; denn es wird entweder ihr Richter oder ihr Retter sein. Viele werden sich ihm leidenschaftlich widersetzen und dadurch zeigen, dass sie gegen Gott sind.“
Wieder nahm er seine Hände und legte sie in einer schützenden Gebärde um die Wangen des Weibes. Im bitteren Wissen senkte er seine Stimme:
„Der Schmerz darüber wird dir wie ein Schwert durchs Herz dringen.“


Hanna bebte am ganzen Körper.
Eilends lief sie nun auf die kleine Menschenansammlung zu.
Sie umarmte die junge Frau und ihre steifen Finger glitten behutsam über das kleine, warme Gesichtchen des schlafenden Kindes
Ihr Herz wollte schier bersten vor Freude und Dankbarkeit!
Laut lobte sie Gott!


Sie – nur eine arme Witwe, eine Frau aus dem Stamme Asser, die einen Traum hatte, durfte erleben, wie dieser Traum erfüllt wurde.
Der Messias war geboren!


Lukasevangelium Kapitel 2, Verse 29–32, 34+35 - Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“
© gh/2006 (überarbeitet 2010)

Dienstag, 10. November 2009

Das Cenacolo


Da Vincis Cenacolo
oder
Das fehlende Kreuz



Mit Speichel benetzte ich das Ende des Fadens, der mir in der Farbe einer rosa Hortensie entgegen leuchtete, zog es durch das Öhr der Nadel und stickte das vorletzte Kreuz im Umhang des Johannes.
Das Abendmahl. Von da Vinci.
Mein innig geliebtes Motiv!
Wieder hob ich die Nadel, um das letzte Kreuz auf das Leinen zu sticken.
Traurigkeit erfüllte mein Gemüt.
Noch einmal konzentrierte ich mich und stach die Nadel durch den Stoff, tauchte ein in das Gewirr von sich kreuzenden Fäden ...



... und spuckte aus.
Schlamm füllte meinen Mund, presste sich gegen meine Wange, glitschte zwischen meinen Fingern hindurch und nahm mir die Sicht.
Hustend richtete ich mich auf.
Ich rieb mir die Augen: Neben mir ragten schiefe Fachwerkhäuser empor. Obwohl ich mitten auf dem Weg lag, hätte ich mich zu beiden Seiten anlehnen können, so eng war die Gasse.
Mit den rauen Ärmeln meines Kittels wischte ich mir die Mischung aus Erde und Fäkalien von der Zunge, die meinen Magen gegen das Zwerchfell presste.
Ich erhob mich.


Aus einem der schiefen Katen stürzte ein Mann und fluchte einem Jungen mit erhobenen Armen hinterher.
Zornesrot blieb er stehen.
Als er mich erblickte, hob er von neuem an zu brüllen:
„Steh nicht so faul rum, komm her und hilf!“
Ich zuckte zusammen.
„Na wird’s bald, Weib?“
Meine Hände verkrampften sich ineinander.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, bog sich mein Körper nach hinten. Langsam setzte ich einen Fuß rückwärts.
„Bist wohl eine von den Feinen!“ Während er das sagte, kam er mir näher und schielte auf meine Hand, zwischen deren Fingern ich meine goldene Sticknadel hielt.
Der Mann fasste mich derb am Arm.
„Meine Alte! Sie hat die Scheißerei!" Spucketropfen befeuchteten mein Ohr und machten, dass mir Gänsehaut über den Rücken lief.
Die fetten Finger drückten mich an der schief ihren Angeln hängende Tür vorbei in die Kate.
Kotgestank drang in meine Nase und ließ mich würgen.
Im diffusen Licht bewegte sich stöhnend eine Gestalt auf einem Bettgestell.
"Hilf ihr und setz sie auf den Pott! Und wehe, du lässt sie fallen wie der Bursche!“
Noch ehe ich etwas erwidern konnte, stoppte ein Geräuschensemble vor der Hütte das Gebrüll des Mannes.
Rädergerassel und quietschende Bremsen ließen den Gesichtsausdruck des Keifenden verändern und aus seinem Haus huschen. Draußen durchwatete er das kurze Stück bis zum Ende der schlammigen Gasse und kratzfußte vor dem aus einer Kutsche steigendem Herrn.


Wie von selbst bewegten sich meine Beine. Ich hielt mich eng hinter dem buckelnden Mann, um einen Moment abzupassen, in dem ich fliehen konnte.
„Meister Ludovico, was schreit Er so? Man hört Ihn in der Gasse! Seid Ihr ein altes Marktweib geworden?“
Der Herr aus der Kutsche stand mit dem Rücken zur Sonne, die mich blendete, sodass ich nur den Umriss einer hageren Gestalt ausmachen konnte.
Devot wehrte der Angesprochene die Unterstellung ab.
"Gnädiger Herr, mein Weib ... ich benötige Hilfe ... da ist ein unfolgsames ...". Abrupt hielt der sich Duckende inne, als sein Gestikulieren einen seiner Arme in meinen Bauch schlagen ließ. Wir drehten uns im Kreis, und angstvoll trat ich hinter ihm hervor.


Ich stand wie versteinert auf meinem Platz, als der Herr aus der Kutsche seinen Blick auf mich richtete. Ernst musterten mich tiefliegende Augen unter buschigen Brauen. Dabei strichen seine Finger bedächtig über seinen Bart, fuhren an den dicken Augenbrauen entlang.
Die herabgesunkenen Mundwinkel hoben sich und ein Leuchten trat in seine Augen.
„Ich wusste, dass Ihr kommt, gnädiges Fräulein. Mir ward ein Traum zuteil, in dem man mir Euer Erscheinen ansagte.“
Nun reckte er sich, breitete seine Arme aus und fragte augenzwinkernd:
„Hat man Euch der guten Kleider beraubt? Seid versichert, ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihr standesgemäß ausstaffieret werdet."
Der Herr, der schon ein Greis war, reichte mir seine Hand. "Nun vertrauet mir und begleitet mich!“
Er raffte sein Gewand und stieg umständlich in die Kutsche. Auf sein Geheiß hin nahm ich neben ihn auf dem Ledersitz Platz.


Der Kutscher trieb die Pferde geschwind von der schäbigen Gasse fort.
Hochgewachsene Platanen säumten eine Allee und verströmten ihren Blütenduft.

Während ich durch das Geholpere der Kutsche immer näher an den Alten gerüttelt wurde, meinte ich in der Ferne ein mir bekanntes hohes Bauwerk zu erkennen.
Denk nach! befahl ich mir.
Diese roten Steine, diese runden Öffnungen über dem imposanten Portal!
Der blaue Himmel über allem! Du kennst das doch! feuerte ich mich an.
Und mit einem Schlag wusste ich es – dieser große gewaltige Turmaufbau, diese unzähligen Bogenfenster konnten nur zu einem Gebäude gehören!
Begeistert stellte ich fest, dass wir auf Santa Maria della Grazie zufuhren. Ich konnte es nicht fassen!


Als der alte Mann mir aus dem Wagen half, bauschte sich sein langes Gewand hell und von feinster Qualität um seine magere Gestalt.
„Ähm, hallo Sie!“ Vor lauter Aufregung kratzte meine Stimme.
„Entschuldigung, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
Verwundert über die seltsame Anrede schaute der Mann mich an und nickte.
„Bin ich in ... Mailand?“
„Warum nicht?“ Ein geheimnisvolles Schmunzeln ließ sein Antlitz freundlich wirken.
„...Aber wie..., aber...es ist so...anders...alles!“
„Wie sollte es denn sein?“ Jetzt begann der Greis zu kichern.
„In welchem Jahr leben Sie hier?“, brach es aus mir heraus.
„Gut. Ich nehme nicht an, dass Ihr Spott mit mir treibet. Ich will wahrheitsgemäß auf Eure mir befremdliche Frage antworten."
Sein Kichern verebbte.
"Wir schreiben das Jahr Anno Domini 1518.“
Mir fiel die Kinnlade herunter.


Ein madonnenhaftes Mädchen öffnete das Portal der Kirche.
Freudig begrüßte sie den Alten. Beide wechselten ein paar Worte, die ich nicht verstand. Der Alte drückte seine Hand in meinen Rücken und schob mich durch den Eingang.
Ich stand in der Kirche Santa Maria della Grazie!
Meine Sinne wurden von der Ausmalung der hohen Räume gefesselt, wurden hierhin und dahin geleitet, bewegten mein Herz und ließen meinen Mund offen stehen vor Staunen.
Erst als mein nackter Arm berührt wurde und eine Stimme mir etwas zuflüsterte, kam ich allmählich wieder zu mir - zurück in eine Gegenwart, die nichts mit dem realen Dasein gemein hatte, in dem ich sonst zu Hause war.
Langsam formte sich die Stimme in meinem Ohr zu Worte.
"Gnädiges Fräulein, auf Geheiß meines Oheims bringe ich Euch neue Kleidung. Seht, hier gibt es eine Kammer, in der Ihr Euch umkleiden könnt."
Damit drängte mich vorsichtig das Madonnen-Mädchen in die Richtung einer schmalen Pforte.


Nach weniger als zehn Minuten betrat ich erneut das Kirchenschiff, bekleidet mit einem scharlachroten Gewand unter einem grünen Samtmieder.
Oberhalb meiner linken Brust steckte darin meine Sticknadel mit ihrem Rest rosa Fadens.
Der alte Mann, der sein Haupt mit einer weißen, langbändigen Haube bedeckt hatte, winkte mir zu.
Nebeneinander schreitend hörten wir auf den Widerhall unserer Schritte, der von Wänden und Decken des Dominikanergebäudes zurückgeworfen wurde.
Vor einem Holzgerüst legte der Greis seine Hand auf meine Schulter und zwang mich, stehenzubleiben.
Er umfasste mit beiden Händen eine Holzstrebe und zog das Gerüst beiseite, so dass ich erkennen konnte, was sich dahinter befand.


Konnte ich meinen Augen trauen?!
An einer Tafel sah ich dreizehn sich miteinander unterhaltende Personen sitzen. Eine Person saß mit geneigtem Kopf in sich gekehrt und doch aufmerksam zuhörend inmitten der Gruppe.
Das Bildnis hatte in etwa die Größe von fünf mal neun Meter und war direkt auf die Wand aufgebracht worden.


Mir wurde schlecht.
Ich presse meine Lippen zusammen. Öffnete sie wieder. Schluckte.
„Das ist“, hörte ich mich heißern flüstern, „das ist ja das Cenacolo. Das Abendmahl!“
Fassungslos starrte ich nun den Mann neben mir an.
„Sind Sie etwa ...?“, ich konnte den Gedanken nicht zu ende denken.
Und noch einmal: „Sind Sie – Leonardo da Vinci?“
„Wusstet Ihr dies nicht?“ Verwundert schaute mich der große Meister an.
„Aber nein ... und doch ... Sie kamen mir bekannt vor. Nur war mir nicht bewusst, weshalb.... Aber – was tue ich hier?“
Das Gesicht des genialen Mannes überzog ein Schatten.
„Es ist nicht vollendet. Das Cenacolo ist nicht vollendet!", rief er beschwörend aus. Er drehte sich um sich selbst, so dass sich sein Gewand bauschte und blähte, schmiss die Arme in die Luft ...
"Die Mixtur der Farbe – ich kenne sie nicht mehr. Die Aufzeichnungen - dahin - gestohlen, verloren - ich weiß es nicht...." Stöhnend stieß er die Wortfetzen in die Kühle des Raumes.
"Nun", tief atmend versuchte der Maler sich zu beruhigen, "in meiner seelischen Not geschah mir Hilfe. Eines Nachts sah ich im Traum Euch sitzen und arbeiten und Ihr hattet einen Faden ...“
„He, Meister!", unterbrach ich ihn aufgeregt. "Sorry, aber nun weiß ich, was zu tun ist!“
Er zog zwar die Augenbrauen in die Höhe ob der Ungewöhnlichkeit meiner Wortwahl, ignorierte sie aber und erwiderte:
„Ja? Seid Ihr Euch sicher?“
„O ja. Ganz sicher!“


Der dunkle Schatten über dem Gesicht da Vincis verflog und ein erlöstes Lächeln bemächtigte sich seiner. Zitternd fragte er:
„Dann bleibt es für die Ewigkeit erhalten?“
Ich konnte nur nickten.


In meinen Ohren begann es zu rauschen.
Wie nicht ganz bei mir zog ich die goldene Nadel aus meinem Mieder und stach sie in die kleine freie Fläche im Mantel des Jüngers.
Fäden kreuzten sich, Mörtel rieselte, eine sich verabschiedende Stimme verhallte ...


... mein Kopf schmerzte, als ich erwachte.
In meinem Schoß lag ein Leinentuch, besprenkelt mit hellen Blutstropfen.


gh/06

Donnerstag, 5. November 2009

DANKE!

die liebe babs hat mich herzlich überrascht mit dem beste-idee-award.
liebe babs, habe ganz lieben dank dafür!
du hast mir große freude bereitet.
allerdings: zur vergabe der awards schreibe ich später noch etwas dazu.

Freitag, 23. Oktober 2009

ilse kommt


Die Siebziger Jahre
Ilse kommt
(eine appetitanregende weihnachtsgeschichte ...)

Am Weihnachtsmorgen haben glücklich machende Düfte sogar die Macht, Wände und Türen zu durchdringen. Sie legen sich auf Gaumen- und Magenschleimhäute. Den Anwesenden läuft das Wasser im Mund zusammen.

Vater steht im Wohnzimmer und raucht. Heute darf er das.
Es ist Weihnachten.
Aber heute musste er auch seine geliebte blaue Schafwolljacke gegen einen salonfähigen, gut sitzenden Cardigan tauschen. Sein Haar ist mit Brillantine in Form gebracht und sein Kinn glatt rasiert. Er duftet und steht aufrecht da, eine Hand in der Hosentasche, die andere hält in selbstsicherer Pose eine Zigarette.
Bläuliche Schwaden verlieren alle Hemmungen und umhüllen weißgewaschene Stores.
Mutter senkt deshalb schon den ganzen Tag die Augen.
Und Mutter denkt: Es ist Weihnachten und verschluckt den auf der Zunge lauernden Vorwurf bezüglich der gefährdeten Gardinen.

Es klingelt.
Ilse kommt! schreit die Familie mit verdrehten Augen.
Ich öffne. Ilse steht verlegen in der Kälte, rote Wangen im weichen, alten Gesicht. Helllichtes graues Haar lockt sich freundlich um die Ohren.
Bin ich zu früh? fragt schüchtern ihr Mund.

Ach nein! antworte ich und ziehe Ilse ins Warme. Wir kennen uns schon lange, seit der Geburt meiner Kinder – und von noch früher – aber wir sind beim vornehmen Sie geblieben.
Geben Sie mir den Mantel, bitte. Hausschuhe? frage ich.
Aber nein – Ilse hat alles dabei. Selbstverständlich auch das kleine Spitzentaschentuch, mit dem sie die feuchten Augenwinkel und die tropfende Nase bearbeitet.
Ich hänge ihren schweren Pelz auf einen Bügel an die Garderobe. Sie zieht die gefütterten Hausschuhe an die Füße, und ich schiebe Ilse vor mir her ins Zimmer.
Mein Vater wendet sich um. Ilses Augen strahlen. Frohe Weihnacht wünscht Ilse. Frohe Weihnacht erwidert mein Vater. Und er bittet: Nehmen Sie doch Platz – hier im Sessel? Auch sie sind beim höflichen Sie geblieben.
Gern. Ilse gleitet sanft in das weiche Polster.
Mein Vater drückt vorsorglich seine dreiviertel gerauchte Zigarette aus und schiebt den Aschebecher außer Reichweite.
Ilse reibt sich die Hände. Wo sind die Kleinen? fragt sie mich neugierig.
Die Kleinen sind bei Oma in der Küche. Dahin muss ich jetzt auch wieder. Sie helfen kochen. Zwischen vier und sechs Jahren sind Mädchen besonders eifrig im Unfug anstellen ...

Als hätten sie’s gespürt, öffnet sich die Tür und Oma schreitet – jawohl! – schreitet mit den Mädchen herein. Sie trägt eine Platte zwischen den Händen: Gänsebraten. Die Mädchen tragen jeder eine Schüssel. Rotkraut, Gemüse, ein Kännchen mit Soße.
Ach, denke ich, lasst das nur nicht fallen! und eile ihnen entgegen, um die guten Leckereien abzunehmen.
Wir platzieren Platte und Schüsseln in formvollendeter Ästhetik in die Mitte des fein gedeckten Tisches.

Ilse erhebt sich.
Kann ich helfen? Und schon steht sie in der Küche, mitten im Dampf des Kloßwassers und schnuppert und riecht und schaut und guckt. Davon werden ihre roten Wangen noch glühender, ihre Locken noch lockiger.
Oh, grüne Klöße! jauchzt sie. Dann erblickt sie das Ofenblech, auf dem noch vor wenigen Minuten die knusprige Gans thronte. Ihre Augen weiten sich. Schnell schiebt sie das Anstandstaschentüchlein in ihren Ärmel, geht auf das Blech zu, greift sich einen matschigen Beifußstängel mit Fleischspuren und Soßenresten und zieht ihn blitzschnell zwischen den Zähnen durch den Mund. Ilses Mundwinkel füllen sich mit Beifuß-Körnerbrei.
Wir schauen sie stumm an. Meine Mutter verharrt regelrecht mit ihrem Spüllappen in einer versteinerten Haltung, die Mädchen lächeln schräg.

Ilse hält inne, legt den abgelutschten Beifußzweig zurück auf den Abfallteller und meint: Man darf doch nichts umkommen lassen!
© gh/01/2009